ROTHENBURG/OBERLAUSITZ. - Was interessiert es Ulrich Rommelfanger, den Rektor der Fachhochschule für Polizei in Sachsen, wenn im fernen polnischen BiaIystok ein Päckchen Zigaretten vom Tisch fällt? Ganz einfach: Es könnte in Deutschland landen. Der Jurist, der auch als Verfassungsrichter in Thüringen wirkt, ist ein vorausschauender Mensch. Er weiß, daß Polen in absehbarer Zeit zur EU gehören wird, "und dann sind die Probleme in Polen die unseren", sagt er.

Will heißen: Nicht nur werden sich den Polen große Absatzmärkte für ihre Wirtschaft eröffnen, nicht nur werden EU-Subventionen in die weitläufigen und noch schlecht entwickelten Agrargebiete des Landes fließen. Auch kriminelle Organisationen werden die größere Durchlässigkeit der Grenzen zu nutzen wissen. Die schnelle Ausbreitung mafioser Seilschaften im eigenen Lande zählt zu den Hauptsorgen der polnischen Polizei. Und die Kriminellen beenden ihre Aktivitäten nicht am Grenzzaun. Schon jetzt gibt es zahlreiche Schlupflöcher in der Festung Europa.

Das bekannteste Beispiel: Wie am Schnürchen werden gestohlene Autos von gut organisierten Banden verschoben. Wenn zum Beispiel in Dresden ein Wagen geknackt wird, ist Polen oft nur Durchgangsgebiet auf dem weiteren Weg nach Osten. "Die Autos werden so schnell weitergeschleust, daß wir oft das Nachsehen haben", klagt der Woiwodschaftskommandant von BiaIystok. Zbigniew Makuch befehligt die Polizei in dieser polnischen Region, die nahe an der weißrussischen Grenze liegt und die höchste Kriminalitätsrate Polens aufweist. Mit 14 500 Delikten steigerte sich die Anzahl der Straftaten gegenüber dem Vorjahr um mehr als siebzehn Prozent. Besonders die Zunahme von Gewaltverbrechen bezeichnet Makuch als alarmierend.

Polnische Polizisten dürfen einen Verdächtigen nur 48 Stunden ohne Beweise festhalten. Im Fall des gestohlenen Autos reichen die vorgeschriebenen zwei Tage Gewahrsam oft nicht einmal für eine Rückfrage bei den deutschen Kollegen, denn bislang kann nicht einfach bei dem Dresdner Polizeirevier angerufen werden, das den Diebstahl aufgenommen hat - der Dienstweg verläuft über die Hauptkommandantur in Warschau und das Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Die polnische Polizei ist daher dringend an einer intensiveren Zusammenarbeit mit der deutschen interessiert. Dabei ist nicht nur die technische Ausrüstung der westlichen Kollegen gefragt, sondern besonders der Ausbau eines gemeinsamen Informations- und Kooperationsnetzes. "Gemeinsame Schulungen und Übungen können dazu verhelfen, daß sich deutsche und polnische Polizisten kennenlernen und ein Vertrauensverhältnis entsteht, das später im Ernstfall lebenswichtig sein kann", meint Inspektor StanisIaw Czarnecki, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität in der Hauptkommandantur in Warschau.

Die Sachsen sind der gleichen Meinung. Die Polizei des Bundeslandes mit der längsten Grenzlinie zu den Nachbarn Polen und Tschechien fühlt sich verantwortlich für gute Kontakte und ist auch schon zur Tat geschritten: Anfang dieses Jahres haben die Polizeien in Sachsen und den angrenzenden Woiwodschaften Jelenia Góra (Hirschberg) und Zielona Góra (Grünberg) vereinbart, ständig Informationen auszutauschen und verstärkt gemeinsam nach Kriminellen zu fahnden. "Selbst bei komplizierteren Fällen wie der grenzüberschreitenden Observation Verdächtiger kann unsere Vereinbarung als rechtliche Grundlage dienen", erläutert Professor Rommelfanger. In den anderen Bundesländern muß dagegen jedesmal eine Sondergenehmigung der Innenminister eingeholt und selbst für einfache Rückfragen, siehe oben, der Dienstweg eingehalten werden.

Die Fachhochschule in Rothenburg möchte bei den deutsch-polnischen Polizeikontakten eine Vorreiterrolle einnehmen. Rothenburg ist ein Stützpunkt der MEPA, der Mitteleuropäischen Polizeiakademie, die in jedem Frühjahr Polizeistudenten aus acht Nationen auf eine gemeinsame Reise durch ihre Länder schickt. Und seit April 1997 führt die Schule außerdem in eigener Regie einen Studentenaustausch mit der polnischen Polizeihochschule in Szczytno (Ortelsburg) durch.