Die Zugfahrt meiner Schulkameraden endete ausnahmslos in Auschwitz. Mir selbst war es gelungen, einen Tag zuvor nach Budapest zu gelangen, denn meine Eltern hatten sie aus dem Dorf, in dem wir wohnten, schon früher abgeholt.

Was meinen Kameraden in den Viehwaggons, auf der Verteilerrampe und unter der Duschrosette, aus der das Gas strömte, widerfahren ist, davon ist mir nur eine vage Ahnung beschieden. Ich behaupte, in der bekannten Geschichte der Greueltaten ist ein ähnlicher Fall nicht vorgekommen. Mörderische Tyranneien, verheerende Konzentrationslager hat es in unserem Jahrhundert überall auf dem Globus gegeben, doch methodisches Hinmorden von fast einer Million Kindern ist als unerklärlicher und nicht zu verzeihender Fall einmalig. Wenn man überhaupt von einem absoluten Verbrechen sprechen kann, dann von diesem.

Nach der deutschen Okkupation funktionierte in Ungarn derselbe Staatsapparat wie zuvor, dieselbe Polizei, Armee und Beamtenschaft. Dasselbe Parlament und derselbe Reichsverweser statteten die Regierung, die ihre eigenen Staatsbürger außer Landes transportierte, mit Vollmachten aus. Wissend oder unwissend, jedenfalls stellten jene keine neugierigen Fragen, was die Deutschen mit ihnen vorhaben würden.

Ihre Phantasie war zu schwach. Hätten sie es gewußt, dann hätten sie es nicht getan. Sie taten es, weil die verdeckte oder offene Judenhetze den Blick für die Wirklichkeit getrübt hatte. Ebenso wie es möglich gewesen ist, die Deportation der Juden des Budapester Stadtkerns durch einen energischen Befehl und einige militärische Gegenmaßnahmen zu stoppen, wäre auch die Verschleppung der Juden aus der Provinz hinausschiebbar und vielleicht sogar vermeidbar gewesen. Hätte sich die ungarische Administration sehr gesperrt, ohne die bereitwillige Mithilfe der Behörden vor Ort wäre die deutsche Führung nicht zurechtgekommen. Erfreut meldeten die lokalen Zeitungen, daß ihre Stadt judenfrei geworden sei.

Unsere Region hallte von der faschistischen Rede wider neben den großfaschistischen Gebilden gab es die klein- und die halbfaschistischen, mit Listen unterschiedlichen Umfangs für den Massenmord. Auf dem ganzen Kontinent schlossen sich die Sympathisanten dem Plan von Großeuropa an, und mehr oder weniger glaubten sie alle, daß sich dieses berauschende Projekt nur realisieren lasse, wenn man zuvor die jüdischen Nachbarn loswerde und sie sozusagen als Dienstleistung der Stadtreinigung irgendwohin abtransportieren lasse. Sie glaubten, daß es möglich und richtig sei, eine Minderheit erst zu brandmarken, um schließlich ein rechtliches Urteil zu fällen, das, entsprechend der Logik von Urteilen, Unterscheidungen, Gesetzen und Verordnungen, zur großindustriellen Kinderausrottung geführt hat. Meine Schulkameraden haben sich zu Erinnerung sublimiert, wie auch die Mehrheit der Überlebenden. Unaufhaltsam verblassen wir zu einer Geschichte. Es macht uns erschaudern, daß diese Geschichte überhaupt passieren konnte. Nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit denjenigen, die während dieses Geschehens ihren eigenen Alltag lebten. Das absolute Verbrechen ist nicht von absoluten Verbrechern verübt worden, sondern meist trugen Menschen, die meinten, dieses sei ihre dienstliche Pflicht, durch ihre Arbeit dazu bei.

Ein solches Verhalten war nicht nur in Mitteleuropa zu beobachten, auch in den westlichen Demokratien herrschte kein Mangel an Personal in der Bürokratie, welches diszipliniert an der Abwicklung der Deportation mitwirkte. Die meisten ließen sich als Helfershelfer mißbrauchen. Nicht alle.

Die Dänen und Bulgaren gaben ihre Juden nicht heraus. Warum ausgerechnet sie nicht? Der eine liefert aus, der andere nicht. Eine Weile nicht, dann plötzlich doch, unter größtem Druck. Nachdem die damaligen Machthaber in Ungarn den Entschluß schließlich gefaßt hatten, wickelten sie die Zugtransporte, die schnelle Beförderung des Lebendgutes auf dem Schienenstrang, hinweg über die Landesgrenzen, als logistische Bravourleistung ab.