Viele Bücher werden vorgestellt in Bonn, viele davon vergißt man schnell wieder. Diesmal war das anders. Johannes Rau präsentierte in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz Heiner Geißlers Buch mit dem unzeitgemäßen Titel: "Das nicht gehaltene Versprechen. Politik im Namen Gottes" (Verlag Kiepenheuer & Witsch).

Der Laudator, Rau, ist fast ebenso alt wie der Autor (Jahrgang 1930).

Protestant der eine, Katholik der andere. Da ein Sozialdemokrat, dort ein Christdemokrat. Der eine versöhnt gerne, der andere streitet lieber. Aber, sicher, auf die Frage, ob man Politik ohne Bergpredigt machen könne, würde Geißler wie Rau antworten: "Ich kann es nicht." Wer sich in der Politik auf höhere Werte und den Namen Gottes beruft, wird in der Regel pathetisch. Rau und Geißler, dieses eigentümliche Duo, übersetzen das C in den Alltag von Asylpolitik, Abschiebepraxis, Frauenmißhandlung, Xenophobie, und es klingt überhaupt nicht moralisierend. Die Bigotterie ist anderswo.

Heiner Geißler durchquert plaudernd die Geschichte der Aufklärung und des Christentums, beruft sich mal auf Heine, mal auf Montaigne, mal auf Pinchas Lapide, die in Bonn nicht gerade Hausautoren sind. Nein, er spricht nicht von Menschenpflichten, er spricht von Menschenrechten, die sein Leitmotiv sind - und blickt in Richtung Politik. Diese Rechte zu achten, das ist ihre verdammte Pflicht. Und darum, da hat er ganz recht, hat er auch ein äußerst "politisches Buch" geschrieben, das sich gegen alle richtet, die Parolen leichtfertig übernehmen oder verkünden wie: "Das Boot ist voll", "Deutschland den Deutschen", "Arbeitslose sind Faulenzer", "Aktienboom statt Arbeitsplätze". Beide, Rau wie Geißler, haben gemeinsam, daß sie den Menschen nicht von oben herab Moral predigen, aber von Maßstäben sprechen. Das mag etwas altmodisch wirken. Der eine hat sich viele Freunde in seinem Leben gemacht, der andere viele Gegner, und er wird sie mit seinem Buch auch noch mehren, prophezeit ihm Rau. In der Welt der Politik haben sie sich oft heftig gestritten. Aber es hält sie etwas zusammen, was solchen Streit erträgt. Das C? Man könnte es auch einfach so etwas wie Anstand nennen. Oder, noch besser, Common sense.