Die Kultserie der Stunde ist "Akte X". Die seit einigen Wochen auf Pro Sieben laufende vierte Staffel erzielt allwöchentlich Zuschauerzahlen von bis zu fünf Millionen (in den USA bis zu 20 Millionen). Und damit nicht genug. Die treue Gemeinde versüßt sich die Pausen mit "Akte X"-Begleitbüchern, -Comics, -Web-Sites, -T-Shirts, -Tassen, -Gesellschaftsspielen und eigens nach den Drehbüchern verfaßten "Akte X"-Romanen - sehr zur Freude einer wachsenden Merchandising-Branche. Die Konkurrenzkanäle versuchen unterdessen, auf der Welle mitzusurfen, die von dem TV-Produzenten Chris Carter ausgelöst worden ist. Jeder hat jetzt irgendeine, meist eilig zusammengebraute "Mystery"-Serie im Programm. So entstehen Genres.

Wer von "Akte X" reden will, muß also vom Phänomen des Kults sprechen. Wie wird ein Produkt der Kulturindustrie zum Objekt des Kults, und was kann man aus dieser Karriere schließen? Das sind Fragen, die sich die Betreiber der Großen Globalen Bildermaschine täglich stellen. Als Kritiker könnte man vielleicht, in Abwandlung einiger berühmter Sätze von Siegfried Kracauer, folgendes Forschungsprogramm formulieren: Kultserien sind die Tagträume der Gesellschaft. Die Erkenntnis der Lage ist an die Entzifferung ihrer traumhaft hingesagten Bilder geknüpft.

Damit eine Fernsehserie Kult werden kann, muß sie schematisch sein. Sie braucht die unmittelbar eingängige Formel, das sofort durchschaubare Muster, den verläßlich wiedererkennbaren Rahmen: ein Raumschiff auf dem Weg zu fremden Galaxien, ein paar Mietshäuser in einer Kölner Straße oder eben, wie in "Akte X", zwei FBI-Detektive unterschiedlichen Temperaments, die sich ungelöster und unheimlicher Fälle annehmen. In solchem Rahmen ist dann fast alles möglich. Man kann das Paradox der Kultserie vielleicht so beschreiben: Je robuster, primitiver und starrer die Grundstruktur, desto freier, verrückter und unwahrscheinlicher dürfen die Abschweifungen der Episoden ausfallen. Die eigenartige Spannung von Beschränkung und Freiheit, von Wiederholung und Differenz, Wiedererkennen und Irritation liegt dem Reiz aller Kultserien zugrunde. Es wäre deshalb falsch, Schablonenhaftigkeit schon per se als Manko zu verbuchen. Schematismus ist eine Voraussetzung des Seriengenusses. Es fällt uns immer noch schwer - trotz der tapferen Vorstöße der Pop-art gegen das Virtuosentum und für die Rehabilitierung des Seriellen -, dies ohne Herablassung und ohne schlechtes Gewissen anzuerkennen. Zugleich gilt auch auf dem Markt der Serien: Man muß etwas riskieren. Um Kult werden zu können, braucht eine Serie auch Freiheit im Umgang mit ihrem Material, eine verantwortungslose Lust an der Kombinatorik, kurz gesagt: etwas Spielerisches. "Akte X" verfügt über diese Qualität wie kein anderes heutiges TV-Format. Die Serie, in der es um "rätselhafte Phänomene" aller Art geht, ist selber eins: Kein Erzeugnis jener globalen symbolischen Umwelt, die wir mit einem mißverständlichen Ausdruck aus den Pioniertagen immer noch "Fernsehen" nennen, wirkt zugleich so kalkuliert und so geträumt wie "Akte X".

Wir haben es hier mit einer Produktsorte zu tun, die nicht ganz zu Unrecht unter Kitschverdacht steht. Und "Akte X" ist zweifellos trash. Die Serie wird zwar mittlerweile aufwendig produziert, hat aber trotz steiler Karriere die Armut des Anfangs nie ganz abschütteln können. Unter den Millionen Begeisterten sind viele, die sich darüber im klaren sind und "Akte X" dennoch - oder ebendarum? - schätzen. So gibt es eine eigene Web-Site, auf der die aficionados die gröbsten Ungereimtheiten und die ungeschicktesten Produktionsfehler der Episoden mit liebevollem Sarkasmus ausbreiten. Es ist an der Zeit, die weit fortgeschrittene Bewußtseinslage der Konsumenten zur Kenntnis zu nehmen. Man hat lange genug auf die Unfreiheit der als Kitsch verachteten Produkte gestarrt. In den klassischen Worten des Kunstkritikers Clement Greenberg: "Kitsch ist mechanisch und funktioniert nach festen Formeln. Kitsch ist Erfahrung aus zweiter Hand, vorgetäuschte Empfindung. Kitsch ist der Inbegriff alles Unechten im Leben unserer Zeit." Das Problem der Kitschkritik ist nicht nur der Kontrastbegriff des "Echten", der uns heute selbst ein wenig kitschverdächtig vorkommt. Sie wird auch nie verstehen, was trash-Produkte gerade für die fortgeschrittenen Fans faszinierend macht - eine größere Durchlässigkeit für Obsessionen, Ticks und Leidenschaften; lustvolle Außerkraftsetzung von Peinlichkeitsregeln; ein melancholischer Trost, der von beflissenem Scheitern ausgeht.

Ungeschützter als in vielen Werken der Hochkultur machen sich im Sonntagabendvergnügen verdrängte Ängste, betrogene Hoffnungen und unerlaubte Wünsche bemerkbar. Kulturanthropologen der Zukunft werden deshalb eines Tages auch das Werk von Chris Carter durchmustern, um die Mentalität der späten Neunziger zu rekonstruieren. Man kann sie schon ahnen, die Dissertationen mit ihren vertrackten Titeln: "Esoterik und Endzeitprophetie. Eine Analyse millennaristischer Motive in Mystery-Serien der Jahrtausendwende"; "Der Schlaf der Vernunft und seine Traumbilder. Über High-Tech-Obskurantismus als Ersatzreligion am Beispiel von ,Akte X'".

Vorerst aber haben wir Dilettanten das Wort. Was macht diese allzu oft abstoßende Serie anziehend? Chris Carters Kalkül liegt offen zutage. Es ist leicht durchschaubar, daß er sich mit seiner Erfindung an den Erfolg von Jonathan Demmes Horrorfilm "Das Schweigen der Lämmer" anhängen wollte. Demmes Serienmördergeschichte hatte den Studios gezeigt, daß der Mainstream des Publikums bereit war, auch extrem grausige Stoffe zu goutieren, die zuvor nur im hartgesottenen Untergrund Zuspruch gefunden hätten. Carter konnte also mit dem Wohlwollen der Industrie rechnen, wenn er vorschlug, allwöchentlich zwei FBI-Agenten auf die Fährte absonderlicher Bluttaten zu schicken.

Er hat dann aber mehr als das Naheliegende getan. Carter hat sich nicht damit begnügt, das Serienmördermotiv zum Serienmotiv zu machen. Er erweiterte das von Demme begründete Muster vom FBI-Spezialagenten als einem modernen Drachentöter. Sein Held, Agent Fox Mulder, hat eine Vorliebe für "paranormale Phänomene" entwickelt - Ufo-Entführungen, Wiedergeburt, Telekinese, Parapsychologie, Werwolfsichtungen. Marienerscheinungen lassen bislang auf sich warten, aber man kann dennoch sagen, daß Agent Mulder sich in seinem Kellerloch in der FBI-Zentrale eine Art Ersatzkatholizismus zusammengebraut hat, an dem er gegen seine protestantisch aufgeklärte Umwelt festhält. Von den Kollegen wird er belächelt, von seinen Vorgesetzten beargwöhnt. Man stellt ihm Dana Scully zur Seite, eine medizinisch ausgebildete, skeptisch gesonnene Kollegin, die ihn unterstützen und zugleich beobachten soll. Das ungleiche Detektivpaar, in dem phantastisch-kombinatorisches Denken einerseits und andererseits naturwissenschaftlich-deduktive Ratio verkörpert sind, ist unschwer als Wiedergänger des Urpaares der Gattung zu erkennen: Sherlock Holmes und Dr. Watson sind zurück, in Gestalt zweier Angestellter. Ein kluger Einfall Carters ist die ironische Vertauschung der sexuellen Rollenklischees. Sprunghaft, intuitiv und kryptoreligiös zeigt sich hier nämlich ein ums andere Mal der männliche Part. Die kühle Agnostikerin hingegen läßt seine esoterischen Luftblasen an Ockhams Rasiermesser zerplatzen: Es ist immer wieder die schöne Dana Scully, die mit ihrem skalpellscharfen Verstand alle untauglichen Erklärungen aus dem komplexen Gewebe der Fälle herausschneidet. Sie vertritt den Common sense, während er, der geistige Wünschelrutengänger, sich mit keiner Wahrheit bescheiden mag, die nicht durch die Überschreitung einer Schulweisheit gewonnen wurde. Wo er Außerirdische am Werk sieht, kann sie nur allzu irdische Motive erkennen. Zieht sie aber die Schulpsychologie des abweichenden Verhaltens zu Rate und vermutet ein Verbrechen aus Leidenschaft, verlorener Ehre oder anderen verständlichen Gründen, so vertraut er lieber auf die überkommene Wahrheit von Indianermythen, Volksmärchen, populärem Aberglauben und anderen entwerteten Formen von Orientierungswissen.