Der Kanzler schuldet ihm was. Ganz Brüssel weiß das. Nur Jean-Claude Juncker selber ist klug genug, über seinen Kredit bei Helmut Kohl zu schweigen. Gleich zweimal - bei den EU-Gipfeln in Dublin und Amsterdam - hatte Luxemburgs alerter Premierminister zuletzt dem Patriarchen Europas geholfen, den widerspenstigen Franzosen ihre Zustimmung zum Stabilitätspakt abzuringen. Damals bekamen die Deutschen, was sie wollten - einen drakonischen Strafkatalog gegen Haushaltssünder in der künftigen Währungsunion. Nun aber will Juncker, vom Duzfreund Kohl stets väterlich "Junior" genannt, selbst etwas: Der 42jährige Christdemokrat möchte den EU-Beschäftigungsgipfel, den er am 20. und 21. November in seinem kleinen Großherzogtum veranstalten muß, "zu konkreten Beschlüssen" treiben. Europas Job-Konklave, so erinnert er den Kanzler, sei doch ein Teil des Euro-Deals mit der sozialistischen Regierung in Paris gewesen. Also: Hilf, Helmut, hilf!

Sonst droht der EU-Gipfel nur mit einer Litanei hehrer Worte zu enden: Seit Jahren schon beschwören Europas Staats- und Regierungschefs den gemeinsamen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit - ohne Folgen, ohne Taten. 18 Millionen EU-Bürger, mehr als je zuvor, suchen einen Job. "Wenn wir diesmal wieder nur reden, statt zu handeln, sollten wir fortan lieber schweigen", sagt ein hoher EU-Beamter.

Und diesmal gelten andere Spielregeln: Der neue EU-Vertrag, im Juni vom Amsterdamer Gipfel beschlossen, hat die kontinentale Job-Krise zur "Angelegenheit von gemeinsamem Interesse" erklärt. Seither verlangt Europas Quasiverfassung "die Entwicklung einer koordinierten Beschäftigungsstrategie". Gemeint sind damit Absprachen der 15 Regierungen, mehr nicht. Angesichts von 3,2 Prozent Arbeitslosigkeit in Luxemburg und einer Schreckensrate von 22,2 Prozent in Spanien plant niemand, Europa etwa einer gleichgeschalteten Politik zu unterwerfen. "Wir sind alle krank, aber wir brauchen nicht alle dieselbe Medizin", diagnostiziert Juncker. Sein Landsmann Jacques Santer, der Präsident der Brüsseler Kommission, warnt derweil vorsorglich vor falschen Hoffnungen: "Kein Papier, kein Gipfelbeschluß schafft von heute auf morgen Arbeitsplätze." Dauerhafte Jobs schaffe die Wirtschaft, die Politik könne dabei "nur helfen".

Doch bislang, glauben Santer und Juncker, hilft die Politik zuwenig. Um Europas Mächtigen Beine zu machen, will Luxemburgs Premier nun ausgerechnet jene Methode für eine aktivere Beschäftigungspolitik einsetzen, die die EU bei vielen Bürgern als vermeintlichen Job-Killer in Verruf brachte: eine "Maastricht-Maschinerie", die "Handlungszwänge" für Reformen schafft. Die 15 EU-Regierungen, so hofft Juncker, mögen sich auf einige "quantifizierte und überprüfbare Ziele auf europäischer Ebene" einlassen, die sie dann "in nationale Aktionspläne" übersetzen; einmal jährlich würden die Ergebnisse eines jeden Landes "im Rahmen eines multilateralen Überwachungsverfahrens" examiniert. Also eine europäische Gruppentherapie gegen den Reformstau? "Ja", sagt Juncker, "der Erfolg der Maastricht-Kriterien hat doch bewiesen, daß der Konvergenzstreß hilft. Wer nicht hält, was er verspricht, kommt unter Druck."

Längst läuten in den EU-Hauptstädten die Alarmglocken. Und als Anfang dieser Woche die absurde Meldung kursierte, Juncker plane - nach dem Vorbild des 3,0-Prozent-Defizitkriteriums - gar ein verbindliches, mit hohen Zwangsgeldern bewehrtes Beschäftigungsziel, erschallte in Bonn prompt die Warnung vor "falschem Brüsseler Interventionismus". Luxemburgs Premier, im Nebenjob noch Finanz- und Arbeitsminister, dementierte heftig; unter seiner Regie werde der Job-Gipfel keine "globalen Versprechen" beschließen. Nicht einmal die simple Prognose der EU-Kommission, Europa könne mit Reformen und kräftigem Wachstum innerhalb der nächsten fünf Jahre zwölf Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, will er sich zu eigen machen: "Das wäre ein falsches Signal."

Juncker hat andere Ziele - genaugenommen sind es 19. Und die stehen allesamt im Entwurf jener "Beschäftigungspolitischen Leitlinien", die die EU-Kommission bereits Anfang Oktober vorlegte. Das Papier verheißt mehr Markt und mehr Staat, es bündelt Rezepte, die keiner ideologischen Linie folgen: Eine "neue Kultur des Unternehmertums" verlange den Abbau bürokratischer Hemmnisse und die Senkung der Lohnnebenkosten; gleichzeitig wird Unternehmern wie Arbeitnehmern angeraten, sich endlich "flexibler" und "anpassungsfähiger" der Dynamik des Wettbewerbs zu stellen. Vorsätze, die niemand bestreitet. Zündstoff für den Job-Gipfel aber bergen die drei Ziele, die die Kommission zur "Schaffung einer neuen Kultur der Beschäftigungsfähigkeit" vorschlägt. Danach nämlich sollen in Zukunft alle Regierungen der europäischen Union

- innerhalb von fünf Jahren den Anteil der EU-Arbeitslosen in Ausbildung von bisher 10 auf 25 Prozent steigern;