Niemand weiß genau, wie viele Organe chinesische Chirurgen transplantieren. Anhand der Fachliteratur läßt sich immerhinschätzen, daß jedes Jahr mindestens 2300 Nieren verpflanzt werden.

Niemand weiß genau, wie viele Todesurteile jährlich in China vollstreckt werden. Amnesty international zufolge wurden im vergangenen Jahr mindestens 6100 Todesurteile verhängt - doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. 1996 habe die Zahl der bestätigten Hinrichtungen 4367 betragen.

Niemand weiß genau, woher chinesische Mediziner die transplantierten Organe beziehen. Seit kurzem wird offiziell zugegeben, daß in "seltenen Fällen" Hingerichtete als Quelle dienten. Amnesty international oder Human Rights Watch Asia behauptet hingegen, die Körper von Exekutierten würden in großem Stil und mit staatlicher Unterstützung als Ersatzteillager ausgebeutet.

Schwere Vorwürfe gegen Chinas Transplantationswesen erhebt nun David Rothman, Professor für Sozialmedizin an der Columbia University in New York. Seine Bestandsaufnahme in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift The Sciences geht unter die Haut. Pünktlich zur Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen China und den USA untermauert er den Vorwurf, "daß hingerichtete Gefangene die Hauptquelle für Organe in China sind und daß Patienten aus Hongkong, Taiwan, Singapur und aus anderen Staaten des pazifischen Raumes regelmäßig nach China reisen, um an die Organe zu gelangen".

Seit Jahren verfolgt Rothman das weltweite Problem des Organmangels in der Transplantationsmedizin, von Guatemala bis Rußland. Er gibt an, daß all seine Versuche gescheitert seien, in Peking oder Shanghai in offenen Gesprächen mit Chirurgen zu klären, woher die verpflanzten Organe stammen, wie viele Ausländer um Transplantationen nachgesucht und was sie dafür bezahlt haben. Da er auf eine Mauer des Schweigens stieß, muß er eine Indizienkette aufbauen - die überzeugend klingt. Hier seine zentralen Argumente:

Es gibt staatliche Vorschriften zur Verwendung von Leichen Hingerichteter. Dies mache "deutlich, daß die Nutzung von Organen exekutierter Gefangener nationaler Politik entspricht".

Diese Vorschriften forderten strikte Geheimhaltung. Erstens weil nach konfuzianischem wie buddhistischem Glauben Leichen intakt bleiben sollen. Deshalb seien auch "Autopsien und Leichenspenden zu welchem Zweck auch immer, inklusive Transplantation und Gebrauch in der Medizinerausbildung, eine Rarität in Hongkong, Japan, Singapur, Korea und China". Hinzu komme zweitens die Angst vor Kritik aus dem Ausland.