Die Droogs vorm Hauptbahnhof stehen rauchend zusammen in Gruppen. Die Haarigeren und Verwahrlosten sortieren sich für den Dealer, der dann doch nicht kommt. Statt seiner ist es mal wieder die Polizei, die sich um alles kümmern muß. Die Glattrasierten und Flaumbärtigen machen Küßchen dazu und warten auf Kundschaft. Kalt ist allen.

Die Spatzen, o meine Brüder, sogar die Bundespräsidenten pfeifen es von den Dächern, es ist bitter kalt geworden in Deutschland. Der Mensch ist dem Menschen feind, denkt nur an sich und die Senkung des Solidaritätszuschlags und will Schifffahrt einfach nicht mit drei f schreiben. Ungebremst rast El Niño über den Erdball, verbreitet Furcht und Zittern, in Schottland klonen sie Schafe und bald auch den Schäfer dazu. Das Ende, es ist nahe, so schrecklich nahe.

Im Schauspielhaus zu Hamburg möchte man bitte dabeisein dürfen. Mit dem gesellschaftskritischen Zeigebedürfnis von ca. 1984 hat dort Karin Beier "Clockwork Orange" inszeniert, so schrecklich, so fürchterlich eindeutig als Konfrontation Staat vs. Individuum, wie das nicht einmal mehr der händeringendste Leitartikel zustande bringt.

Das theologische Traktat von Anthony Burgess aus dem Jahr 1962 zelebriert romanhaft das frühmittelalterliche Schisma zwischen Augustinus und Pelagius, zwischen Erbsünde und Willensfreiheit. Mit seinen Droogs prügelt, vergewaltigt und mordet der fünfzehnjährige Alex, bis man ihn einsperrt. Eine dubiose Therapie konditioniert ihn zum gewaltfreien Staatsbürger, entläßt ihn als geheilt und gewährt ihm eine künstliche Freiheit. Der Wille zum Bösen ist ihm da abtrainiert, alles Menschliche auch, wie der Beipackzettel allerdings zu spät offenbart. Zombiehaft schleicht Alex durch die Welt und klagt sein synthetisches Glück. Es geht um ein unangenehmes Thema, die Zurichtung eines schlechten Menschen zum guten, und warum das endlich doch verwerflich ist.

So sehr schauderte den Autor vor den Konsequenzen seiner moralischen Erzählung, daß er den Roman in zwei verschiedenen Versionen erscheinen ließ.

Stanley Kubricks Verfilmung von 1971 darf wegen Gewaltverherrlichung noch heute nicht in England gezeigt werden. Seit der Uraufführung in Bonn 1988 geistert das Stück einerseits zombiehaft durch die Weltgeschichte. Damals waren es die Toten Hosen, in London wirkte ein Sänger von U2 mit, bei Castorf in Berlin 1993 mußten es schon staatl. gepr. Skinheads sein. "Du bist", schrieb Bert Brecht einmal über sein Nichtbegreifen der wirklichen Welt, "du bist / In eine böse sache geraten."

Wie findet man da wieder heraus?