Wenn Software oder Hardware fehlerhaft ist, spricht der Fachmann von einem Bug, das Marketing dagegen von einem Feature. Im Geschäftsbericht ist dann später von "versionsbedingten Umstellungskosten" die Rede. Angeblich soll der Ur-Bug eine Motte gewesen sein, die sich am 9. September 1947 in den Schaltkreisen eines Harvard-Mark-II-Computers einnistete und einen Kurzschluß verursachte. Tatsächlich jedoch wurde bereits 1896 im New Catechism of Electricity der Begriff Bug als Fehlschaltung eines elektrischen Stromkreises definiert.

Dieser Tage haben die Hohepriester des elektronischen Katechismus eine knifflige Glaubensfrage zu lösen. Ist es ein Bug, wenn der Fehler als Fehler verboten ist? Muß der Hersteller vor höllischem Code warnen, der außerhalb jeder Konvention programmiert worden ist? Anlaß für diese philosophische Frage ist ein illegaler Befehl, der auf Prozessoren der Intel-Klasse nicht programmiert werden darf - so steht es in den allgemeinen "x86"-Richtlinien. Wird er doch benutzt, sollte der Prozessor schlicht die Arbeit verweigern und das Programm mit einer Fehlermeldung abbrechen. Dies passiert auch, jedenfalls bei den Prozessoren der Firmen AMD und Cyrix und bei Intels neuesten Prozessoren, Pentium Pro und Pentium II genannt.

Bei Pentium-Prozessoren der ersten Generation brennen jedoch alle Sicherungen durch: Die Rechner stürzen ab und müssen neu gestartet werden. Weltweit sind potentiell rund 200 Millionen Prozessoren von diesem Fehler betroffen. Intel lehnt jede Verantwortung ab - schließlich sei der Befehl verboten, heißt es in der ersten Stellungnahme. Die Argumentation erinnert an den Elchtest, der die Kraftpille von Mercedes ins Kullern brachte.

Für den gewöhnlichen Heim-PC dürfte der fatale Befehl kaum Folgen haben. PCs stürzen öfters ab, und eine Software, die diese Befehlssequenz benutzt, würde umgehend aus dem Verkehr gezogen. Auch für die alten Apple-Rechner gab es einen ähnlichen Befehl, der nur von Spaßvögeln benutzt wurde. Doch heute gibt es das Internet, und damit wird die Sache ernst. Im Netz werden haufenweise kleine Programme mit dem Höllenbefehl zum Kopieren angeboten.

Im Netz kann der verbotene Befehl zu einem ernsten Problem werden. Die Internetserver, oft billige Mehrplatz-PCs, sind anfällig für kleine Bosheiten: Ein aus der Ferne gestartetes Programm, das den Befehl enthält, kann im schlimmsten Fall das gesamte System verschrotten, wenn viele Dateien von den Anwendern geöffnet sind. Der Bösewicht ist nur schwer zu finden, weil alle Protokolle mit dem Absturz ebenfalls dahingehen. Betroffen sind vor allem die Internet-Provider, die in Zeiten immer härterer Konkurrenz von mißgünstigen Zeitgenossen relativ einfach ausgebombt werden können. Stehen ihre Rechner still, kann der Kunde nicht ins Netz, und je nach Land hat er sogar Schadensersatzansprüche. Daher ersetzen die Provider zur Zeit fieberhaft die Pentium-Prozessoren durch andere Typen.

Natürlich fehlt es nicht an Stimmen, die die Bekanntgabe des Pentbug als bösen Marketing-Trick werten. In der nächsten Woche wird Microsoft in Las Vegas ein Mehrplatz-System mit dem trefflichen Namen Hydra vorstellen, das nur auf den allerneuesten Pentium-Rechnern der Pentium-II-Klasse laufen soll und damit sicher ist. Einige Indizien sprechen dafür, daß das fatale Verhalten des Pentium-Prozessors bei Intel schon seit Monaten bekannt ist. Eine öffentliche Warnung vor der Instruktion F0 0F C7 C8 ist jedoch ausgeblieben.

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