Ein Begriff macht Karriere: der Moderator. Es gibt ihn überall. Doch warum heißt er, wie er heißt?

In der Kernphysik, zum Beispiel, bezeichnet der Moderator jene Substanz, die die Kettenreaktion in den Atommeilern bremst. Ganz allgemein bedeutet moderat: gemäßigt. Und der, der für die Mäßigung sorgt, ist, eben, der Moderator, nach neuerer Definition ein "Lenker und Leiter, der Einhalt gebietet".

Und was hat das alles mit Fernsehen zu tun? Auch hier sollen die Moderatoren für Mäßigung sorgen. Doch was sie im Zaume halten, sind nicht wirklich ihre Gäste - die lassen sie reden. Was sie tatsächlich moderieren, ist die Fernseh- und Lebenszeit ihrer Zuschauer. Moderatoren wären demnach Menschen, die das Dasein derer, die ihnen zusehen, erträglich gestalten.

Der Talk der kleinen Leute

Ja, es gibt sie noch, die klassische politische Diskussionssendung im deutschen Fernsehen: "Späth am Abend" und "Der Grüne Salon" (beide n-tv) sowie "43.30 - Zeit für Politik" (Premiere). Trotz modischer Politur im Einzelfall sind diese Programme Exempel von gestern. Neu und bei sich ist das Fernsehen hingegen mit den vielen Tages-Talk-Shows, in denen einfache Leute über ihren Alltag reden. SSV - das Kürzel für Sommerschlußverkauf, hier beschreibt es das Themenspektrum der Meisers, Veras, Sonjas und Flieges: Sex, Sorgen, Verbraucherberatung.

Der Sex als Thema ist allerdings beileibe nicht so dominant, wie die Fernsehkritik meint. Aber er kommt vor, und wie. Bei "Arabella Kiesbauer" beispielsweise, mittags um 14 Uhr, am 26. August: Die Exinhaberin eines Domina-Studios belehrt ein junges Mädchen, das sich als Flittchen gefällt, ihre Prostituierten früher hätten immerhin noch Geld dafür genommen. "Also waren sie eigentlich cleverer", fällt Arabella ein.

Die neue Botschaft lautet: Deregulierung des Sexualverhaltens - zum eigenen Vorteil, und sei er nur pekuniär. Allein der Tontechniker scheint zuständig für den letzten Rest von Moral. Er setzt den Piepser, der schmutzige Wörter unhörbar macht: "Hast dich da hochge(piep)?"