Auf Ticketjagd im Web – Seite 1

Kurz vor der Erschießung des Computers hat es doch noch geklappt. Nachts um halb zwölf. Dann endlich konnte ich mit dem entscheidenden Ausdruck und der darin enthaltenen Buchungsbestätigung für zwei Tickets herumwedeln. Zeugen dieses bewegenden Augenblicks gab es allerdings keine mehr. Meine Frau hatte sich längst schlafen gelegt. Wäre es nach ihr gegangen, hätten wir unsere Flugscheine kurzerhand telephonisch über das neuerdings Tag und Nacht erreichbare Lufthansa Call-Center in Kassel (Tel. 01803/80 38 03) gebucht. Schwuppdiwupp wären die Sache erledigt und der Abend gerettet gewesen.

Aber so einfach wollen wir uns das Leben denn doch nicht machen. Schließlich gilt unsereiner nicht umsonst als hartnäckiger Zeitgenosse in Sachen Grundsatzfragen, und darum darf ich mich von nun an zu den wenigen Auserwählten zählen , denen es fortan also vergönnt sein wird, einen Lufthansaflug online zu buchen. Immerhin ist es mir nach fünfstündigem Kampf gelungen, jene Tücke des Objekts zu besiegen, die sich hinter dem Kürzel http:// www. lufthansa.com verbirgt. Auf neudeutsch heißt das: Ich war auf dem "InfoFlyway" im Internet unterwegs und vermag mich demnächst ganz real mit einem bestimmten LH-Flug von Stuttgart-Echterdingen (STR) nach Berlin-Tegel (TXL) zu bewegen. Mit Frau.

Vorausgegangen waren allerdings ungezählte Telephonate mit der Presseabteilung von Lufthansa, der Abteilung "Neue Medien" im selben Hause und nicht zu vergessen die verständnisvoll aufbauenden Gespräche mit der für verzweifelte User zuständigen Service-Crew von Lufthansa-InfoFlyway (Tel. 01803/33 66 33). Selten zuvor habe ich mich mit so vielen kleinlaut gewordenen Mitarbeitern einer ansonsten großlaut auftretenden Fluglinie unterhalten: über die zunächst bestehende Unmöglichkeit, sich bis zur Buchungsseite vorzuarbeiten, über die fortwährenden "Server-Error"-Meldungen, über die verblüffenden Netzwerkverweigerungs-Messages nebst einem rätselhaften Systemabsturz diesseits des Modems. An die Leitungskosten für diesen "Act" (geschweige denn die Arbeitszeit), die erst noch auf mich zukommen werden, darf ich gar nicht denken. Das wird der monatliche Einzelverbindungsnachweis der Telekom noch gnadenlos zeigen.

Dabei hatte alles mit der im Internet üblichen "Homepage" angefangen (der Begrüßungsseite auf dem Computerbildschirm). Aber das war's dann auch schon an interaktiver Gemeinsamkeit. Vor die gnädige Gewährung einer Flugbuchung nämlich hat Lufthansa die Pflicht zum Anlegen eines "Kundenprofils" gesetzt. In früheren Zeiten hätte man dazu "Karteikarte" gesagt, in die man Namen, Anschrift, E-Mail-Adresse, Miles & More-Nummer, die entsprechende Pin-Nummer und nach Möglichkeit auch noch die Kreditkartennummer einträgt, neben der Vorliebe für leichte Vollkost und der generellen Neigung zu einem Gangplatz bei den wenig geliebten Rauchern.

Allerdings funktioniert das Anlegen dieses Profils nicht, ohne die von Lufthansa aus Datenschutzgründen eingebaute Verschlüsselungsfunktion (namens SSL) mit einem Mausklick wieder außer Kraft zu setzen, was in sich schon mal der perfekte Widerspruch ist und in der Praxis dazu führen sollte, daß man tunlichst keine Kreditkartennummer eintippt. Auf dieser Profilseite endlich angekommen, glaubt man immer noch, jetzt gehe es gleich im Schweinsgalopp über den Datenhighway hinweg. Pustekuchen!

Wenn man nämlich unter der Rubrik "Benutzernamen" seine Miles & More-Nummer und unter "Benutzercode" seine Pin-Nummer eingetragen hat (wie von Lufthansa vorgeschlagen), bedeutet das noch gar nichts. Im Gegenteil, jetzt geht der Spaß erst richtig los. Zu diesem Zeitpunkt ist man nämlich immer noch nur ein "neuer User" und daher noch lange nicht berechtigt, auf das "login"-Symbol zu drücken, um draufloszubuchen.

Zuerst muß erneut auf einer weiteren Profilseite das Profil vervollständigt werden (siehe oben). Das aber wiederum wird von der nochmaligen Eingabe des Benutzernamens respektive des Benutzercodes gesteuert. Wehe, man kommt an dieser Stelle auf die Idee (wie zuvor durch Lufthansa angeregt) seine Miles & More-Nummer einzugeben! Die kann nämlich ab jetzt, aus welchen Gründen auch immer, vom LH-System nicht mehr gelesen werden. Statt dessen braucht das Computer-Gegenüber einen neuerlichen, neu zu vergebenden Benutzernamen (sagen wir mal "BlaBlaBla" - ohne Leerzeichen wohlgemerkt!!!), wiewohl er andererseits die zuvor schon verwendete Pin-Nummer durchaus noch verstehen kann.

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Falls aber, wie in meinem Fall, die E-Mail-Adresse aus einer Ziffernfolge besteht (statt eines in Klarschrift geschriebenen Namens) und in dieser Reihe womöglich noch ein Komma steckt (beispielsweise so: 123456,7890), dann klappt das so sehnsüchtig erwartete "login" in die Flugbuchung erst, wenn unsereiner statt des besagten Kommas einen Punkt eingibt. (Sollte deshalb, zuvor, durch einen der ständig wechselnden InfoFlyway-Service-Berater der Rat erteilt worden sein, am eigenen Computer unter der Menü-Leiste "Optionen", bei gleichzeitiger Betätigung der Shift-Taste, die "Cache"-Einstellung zu löschen und mit einem Neustart noch einmal von vorne zu beginnen, empfiehlt es sich, mit Gelassenheit darüber hinwegzugehen. Errare humanum est.)

So weit fortgeschritten, taucht jetzt endlich die heißersehnte Buchungsseite auf. Unserem Online-Glück dürfte nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen, wenn, ja wenn die Lufthansa doch bloß davon ausgehen würde, daß ich bereits (um Kosten und Zeit zu sparen) den gedruckten Flugplan neben mir liegen habe und versuche, die Maschine mit Abflug um 14.35 Uhr zu buchen. Statt dessen muß ich erst einmal anschauen (alles auf meine Kosten), daß ich an besagtem Tag unter acht verschiedenen Flugmöglichkeiten auswählen könnte.

Das alles wäre halb so schlimm, wenn ich wenigstens gleich auch noch meine Daten für den Rückflug eingeben könnte. Aber so schnell schießen die Preußen nicht. Den Rückflug darf ich erst dann eingeben, wenn ich zuvor die Hinflugdaten auf dem O.K.-Button bestätigt habe, um hernach, für den Rückflug, das ganze Procedere zu wiederholen. Dabei jedoch darf ich unter keinen Umständen vorschnell den O.K.-Button anklicken. Zuvor muß ich noch (weiter unten auf der Buchungsseite) als zweiten Fluggast meine Frau einbuchen, andernfalls beginnt das ganze Brimborium wieder von vorne.

Eigentlich hätte der tapfere User nun allen Grund, sich lobend auf die eigene Schulter zu klopfen. Doch da erreicht ihn die Meldung, daß die Lufthansa Siegerin des diesjährigen Wettbewerbs der Financial Times um die "Business Web Site of the Year" geworden ist. Wobei die Jury, bestehend aus Internet-Experten der Financial Times und der UUNET UK, dem größten europäischen Internet-Anbieter, als besondere Vorzüge des Systems den "innovativen Kundenservice" hervorhebt. Da bleibt dem Laien nur noch, zwar etwas erschöpft, aber von Herzen, zu dieser ehrenden Auszeichnung zu gratulieren.