Etwas Novemberliches. Mal sehen. Heiner Müller hat ja jetzt auch ein sehr schönes Grab, auf dem Dorotheenstädtischen schräg vis-à-vis von Schinkel. Aber ganz ohne Säulen und Giebel, sondern mehr nach Jil Sander, so edeleinfach. Jil Sander hat ja jetzt auch einen sehr schönen Laden, am Neuen Wall, nicht weit vom Hamburger Rathaus, und jedesmal, wenn man vorbeigeht, muß man an das Grab von Heiner Müller denken. Da wächst was zusammen, über den Tod hinaus, so soll es sein.

Ein Rechteck Rasen bloß, in schmaler Steinumfassung, und, zart versetzt, eine ganz schmale, hohe, rostige Stele darauf mit dem Namen. Da kommen dann die Edel-Ossis, wie die Edel-Wessis in den Neuen Wall: Der liebste Platz, den ich im Leben hab', / Ist eine Gartenbank an Heiner Müllers Grab.

Dabei wirkt diese pfahlartige Stele etwas seltsam. Von nahem erst merkt man, daß der Rost irgendwie künstlich ist, wie bestimmte Blechsachen bronziert sind oder Kupferdächer neuerdings gern vorpatiniert werden, damit es recht alt aussieht. Und plötzlich fragt man sich, ob die Stele wirklich aus Metall ist oder nicht doch aus einer Art von Kunststoff.

Außen Rost und innen Plaste, das hatten wir uns immer schon gedacht.

Sehr schön auch das neue Mendelssohn-Denkmal in Hamburg, zum einhundertfünfzigsten Todestag, und zwar für Felix und Fanny, wie es sich gehört. Zwei menschhohe schwarze Steinblöcke mit allerlei biographischen Lässigkeiten drauf: Felix Mendelssohn Bindestrich Bartholdy und geboren 1806 (inzwischen halbwegs retuschiert), das ist im interesselosen Hamburg so üblich. Aber natürlich ohne einen Hinweis darauf, warum dieses Denkmal gerade dort steht, daß die Geschwister in Hamburg auf die Welt kamen, in einem Haus der Neustadt gleich neben dem Michel. Beziehungsweise ziemlich genau da, wo jetzt eine sechs(!)spurige Autobahn grölt, weshalb man leider auch die sublimen Worte kaum verstehen konnte, mit denen Hannelore Greve, die Mitstifterin, das Denkmal in den Vormittagsstunden des 2. November enthüllte. Für Felix hat die Internationale Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gesellschaft e.V., Hamburg, gesammelt und für Fanny die Hamburgische Stiftung für Entwicklung, Kultur & Forschung Dr. Helmut & Hannelore Greve etwas springen lassen. Das steht auch groß drauf, leuchtend in Bronze, so daß man schon gar nicht mehr weiß, für wen die beiden Grabsteine eigentlich sind: für die Mendelssohns oder für ihre Gesellschafter oder für Dr. Helmut & Hannelore Greve. In jedem Fall aber für diesen Teil der Neustadt - das liebe alte Ohnsorg-Viertel um den Michel, das hier unter den sechs Spuren der Ost-West-Straße begraben liegt.

Noch nicht tot allerdings ist Rolf Diesterweg, ein Triebtäter, der im Januar in Ostfriesland ein kleines Mädchen umgebracht hat. Obwohl sicherlich mancher hierzulande gern so ein bißchen Kopf ab hätte. Der Hamburger Amtsrichter Schill zum Beispiel, der von der Hamburger Morgenpost publizistisch stets so liebevoll begleitet wird, hatte sich ja schon vor einigen Monaten allerlei Gedanken zur Todesstrafe gemacht ... Und die Morgenpost titelte jetzt auch zum ersten Tag des Prozesses gegen Diesterweg: "Die Bestie weint".

Das stand in Riesenlettern auf der ersten Seite. Die Bestie. Schlug man die Seite um, schaute einem aus dem Leitartikel, natürlich zu einem ganz anderen, feinsinnigen Thema, der bekannte Publizist Thomas Schmid entgegen, beziehungsweise schräg am Leser vorbei. Der bekannte Publizist Thomas Schmid, Ex-Linker, Ex-Ökolibertärer, immer noch gerne Gastautor der taz, verantwortet heute als sogenannter stellvertretender Chefredakteur die Hamburger Morgenpost. Man blätterte noch einmal zurück. Kims Mörder - Die Bestie weint.