ZEITmagazin: In Ihrem Buch "How Proust Can Change Your Life" nennen Sie Marcel Prousts siebenbändigen Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" eine "praktische, universell anwendbare Geschichte darüber, wie man aufhört, seine Zeit zu verschwenden". Muß man alle sieben Bände lesen, um der Vergeudung ein Ende zu bereiten?

Alain de Botton: Es gibt wahrscheinlich noch andere Wege, vielleicht auch schnellere. Aber Proust ist ein besonders guter Weg. Von Leuten, die noch nie etwas von ihm gelesen haben, wird sein Werk oft als eine Art Mount Everest gesehen: eine riesige Herausforderung. Aber welchen Sinn hat es, sie anzunehmen? Ich wollte mit meinem Buch zeigen, daß es Sinn hat, Proust zu lesen.

ZM: Wie kommen Sie darauf, daß sich in Marcel Prousts eher unhandlichem Meisterwerk ein praktischer Psychoratgeber verbirgt?

De Botton: Ich liebe Proust. Und ich begeistere mich für Ratgeberliteratur, die versucht, die wichtigen Fragen des Lebens zu beantworten. Ich finde die Vorstellung faszinierend, daß man diese Bücher lesen soll, um glücklicher und weiser zu werden. Genau das will ich, wenn ich lese. Proust hat viel Weisheit zu bieten. Ich habe ihn fünfmal gelesen, dreimal auf englisch, zweimal auf französisch.

ZM: Was haben Sie von ihm gelernt?

De Botton: Daß man sich ab und zu vorstellen sollte, wie es wäre, wenn man morgen sterben müßte. Dann sehen wir plötzlich, wie wundervoll das Leben ist, sagt Proust. Wir nehmen alltägliche Dinge wahr, die wir nie richtig zu schätzen gewußt haben. Endlich würden wir merken, wie wenig wir aus unserem Leben herausgeholt haben. Aus dieser noch sehr einfachen Einsicht leiten sich natürlich viele weitere Fragen ab.

ZM: Zum Beispiel, wie wir die Dauer unseres irdischen Gastspiels besser nutzen.