Wenn später einmal ein Beispiel für eine fatale Impasse gesucht wird, einen Zustand, in dem es kein Vor und kein Zurück gibt, wird man nur ein Wort seufzen müssen: "Rechtschreibreform".

Sie ist da, und sie ist es nicht. Nach sieben Jahren der Beratung in staatlichem Auftrag hatten sich Ende 1994 Orthographieexperten aus den deutschsprachigen Staaten auf einen Reformvorschlag geeinigt. Anderthalb Jahre später, im Sommer 1996, war der Vorschlag zur offiziellen Absicht gediehen: Ab 1. August 1998 werde an den Schulen nach den neuen Rechtschreibregeln unterrichtet. Tatsächlich begann der Unterricht nach den revidierten Regeln in den meisten Bundesländern sofort. Schon ein Jahr vor der offiziellen Einführung lernten nahezu überall zumindest die Unterkläßler das Schreiben nach den neuen Regeln (von denen sie nicht viel mehr als das Wort "muss" betraf), waren nicht nur sämtliche Fibeln, sondern viele andere Schul- und Jugendbücher und auch manche Bücher für Erwachsene umgestellt, trafen aus den Schulen (in Sachsen, in Österreich) die ersten - günstigen Erfahrungsberichte ein. Trotzdem besteht die sehr reale Möglichkeit, daß der Widerstand gegen die Rechtschreibneuregelung, der sich im Herbst 1996 organisiert hat, das bescheidene Reformwerk noch zu Fall bringt. Zumindest wird noch lange, vielleicht jahrelang Unsicherheit herrschen, welche Orthographie denn nun gelten soll, die alte oder die neue. Und auch wenn die ganze deutsche Einheitsorthographie dabei schließlich zum Teufel geht, kann niemand mehr etwas an diesem Gang der Dinge ändern.

Der Schwebezustand zeitigt Grotesken. In Köln riefen Bürger die Polizei, weil ein Friseur, als Gag, im Schaufenster Pflege ohne ihr P geschrieben hatte und weil nicht nur sie, sondern auch die Zeitungen, die über den Vorfall berichteten, Flege für einen Ausfluß der Rechtschreibreform hielten. In Hannover erhielten Amtsschreiben der Bezirksregierung den Stempel, wegen der unklaren Lage werde nicht mehr korrekturgelesen. In Hamburg erreichten die Eltern einer zehnjährigen Gesine, die erfolgreich gegen die Neuregelung geklagt hatten, daß Gesines Klasse beide Rechtschreibungen lernen mußte - und nur ihrer Tochter etwaige neue Schreibungen als Fehler angestrichen wurden. In Erlangen trat der Germanist Munske aus der neuberufenen Rechtschreibkommission wieder aus, unter anderem, weil die "Überrumpelungsaktion" gestoppt werden müsse; da er acht Jahre lang in der alten Rechtschreibkommission an der Neuregelung mitgearbeitet hatte, muß sich der Arme also acht Jahre lang selbst überrumpelt haben.

Es hat auch sachverständige Kritik gegeben, manche spitzfindig, manche schlechterdings richtig; aber allgemein dürfte in Deutschland selten so viel Unfug zusammengeredet worden sein wie im letzten Jahr über die Rechtschreibreform; allein die Phantasieschreibungen (Katastrofe), die fälschlich der Rechtschreibreform zur Last gelegt wurden, ergäben ein kleines Wörterbuch. Der Darmstädter Linguist Rudolf Hoberg, der jahrelang in der Öffentlichkeit mitdiskutiert hat, wundert sich in der Rückschau über zweierlei - "die große Bedeutung, die dem Thema beigemessen wird, und die stupende Ignoranz, die das Urteil der allermeisten Beteiligten auszeichnet ... In der Regel äußern sich auch Menschen zur Rechtschreibung und zu ihrer Reform, denen die einfachsten Kenntnisse fehlen, die nicht einmal zwischen Sprache und Schrift, zwischen Ausdruck und Inhalt, zwischen Lauten und Buchstaben unterscheiden können; die kaum eine Ahnung von den Prinzipien haben, die unsere Rechtschreibung bestimmen; die nicht wissen, welche Rolle staatliche Instanzen bei der Festlegung der bisherigen Rechtschreibnorm gespielt haben; die ernsthaft glauben, diese Norm habe sich ,frei entfaltet' und müsse das auch in Zukunft tun ..."

Warum konnte sich die Erregung ausgerechnet auf einem Gebiet bis zur kollektiven Hysterie hochschaukeln, das die meisten immer für so langweilig wie lästig gehalten haben und das sich neben den anderen gesellschaftlichen Problemen der Jahrhundertwende geradezu frappierend unwichtig ausnimmt? Es hat wohl drei Gründe.

Erstens ist Rechtschreibung ein Thema, das wie kein anderes zur Haarspalterei einlädt. Wenn die Haarspalter dann noch Normperfektionisten sind, entsteht hier ein idealer Kampfschauplatz.

Zweitens glauben viele, die schreiben, und das sogar einigermaßen richtig, schon darum aus dem Stand mitreden zu können. Daß dazu ein gewisser Sachverstand nötig wäre, ja daß es einen solchen Sachverstand überhaupt geben kann, kommt manchem niemals in den Sinn.