Mario Vargas Llosa

Die Lust zeigt sich anscheinend überall, nur nicht in den Betten. Auf den Plakatwänden der Städte kann man in diesem Herbst lebensgroß ein junges Paar sehen, das für Jeans wirbt. Das Mädchen preßt ihren nackten Bauch und die mit einem Hemdchen bekleideten Brüste gegen einen jungen Mann und schiebt ihm die flache Hand vorne in den Bund. Der Junge sieht nicht unbedingt danach aus, als wäre er dem überraschenden Eingriff gewachsen. Das alte Lied der Beatles "Why Don't We Do It on the Road" hat einen neuen Sinn bekommen. Sie tun es nicht auf der Straße, aber sie tun so, als ob.

Wollte man den Bildern glauben, die in jedem Magazin und an jeder Litfaßsäule zu sehen sind, dann hätten die Bewohner der westlichen Städte nichts anderes als Kopulationsphantasien im Kopf. Ob sie Eis essen, Whisky trinken oder sich eine Hose anziehen: Sie denken immer nur an das eine.

In Wahrheit verhält es sich wohl umgekehrt. So wie die beiden Jeans-Kinder eine erotische Pose einnehmen, damit die darin ausgesprochene Verheißung vom Hosenerwerb erfüllt werde, so essen wir Eis, trinken Whisky und fahren Auto, um dem erheblichen Aufwand an Zeit und Phantasie, den die Erotik erfordert, zu entrinnen. Der für gewisse Verkehrsformen gebräuchliche Terminus technicus "Quickie" verrät die Strategie mühsamer Genußverdichtung.

Zum Glück weiß niemand genau, was in den Betten geschieht - abgesehen davon, daß manche Fernsehsender und Zeitschriften den Eindruck erwecken, ein nicht geringer Teil unserer Mitbürger hege das unaufhaltsame Bedürfnis, darüber minutiös Auskunft zu erteilen. Aber der Verdacht, daß die Sexualisierung des Konsums und die Intimisierung der Öffentlichkeit ein Absinken erotischer Lebenskunst bewirken, liegt deshalb auf der Hand, weil der "Selbstzwang" (ein Ausdruck von Norbert Elias), den die Enttabuisierung verlangt, gewaltig gewachsen ist. Im Grunde ist die Disziplin, mit der sich die Geschlechter auf den Saunabänken, in den Fitneßstudios und an den Badestränden begegnen, erstaunlich, und vielleicht hat sie mit einem ständigen Unterschreiten der erotischen Schmerzgrenze zu tun (um Henning Voscheraus Metapher zu variieren).

Jedenfalls ist heute ein Mann wie Restif de la Bretonne kaum mehr vorstellbar, der 1769 den Roman "Le pied de Franchette" veröffentlichte, ein "Liebhaber und höchster Kenner des Kults der Huldigung und Danksagung an die angebeteten Füße einer Frau, den der verabscheuenswerte Menschenschlag der Psychologen und Psychoanalytiker lieber Fetischismus nennt. Die Verwirrungen, die die perlmuttfarbenen Füßchen der jungen Franchette anrichten, die Leidenschaften, die sie in ihrem Umkreis entfachen, sind unvorstellbar."

Es ist Don Rigoberto, der gebildete Erotomane, der Fetischist zierlicher Füße und prächtiger Ärsche, der melancholische Enthusiast weiblicher Schönheit, es ist Don Rigoberto, der Mann mit den Segelohren und der Nase eines Ameisenbärs, der in einsamen und schlaflosen Nächten an den Regalen seiner bibliophilen Bibliothek entlangschlurft, die Erstausgabe des "Fußes der Franchette" zur Hand nimmt und in Restif, diesem Autor "unverdaulicher Prosa" und "obsessiver Konzentration auf ein einziges Thema", seinen Bruder im Geiste erkennt.