I.

Wenn einmal die Geschichte des Begriffs der Globalisierung geschrieben wird, könnte man sie mit dem 20. Juli 1969 beginnen lassen. An diesem Tag setzte der erste Mensch seine plumpen, in seinen Raumanzug wohlverpackten Füße auf den Mond. Neil Armstrong sah, was wir Zurückgebliebenen eher noch klarer auf unseren Fernsehschirmen betrachten konnten: die Erde, also unsere Welt, als ganze, als Globus mit vertrauten Strukturen, aber aus unvertrauter Perspektive. Der andere Himmelskörper, von dem dieser Anblick sich ergab, machte die Einheit unseres so vielfältigen, ja in nahezu jeder Hinsicht uneinheitlichen Planeten sichtbar.

In den siebziger Jahren folgte dem Bild die Statistik. Der berühmt gewordene Bericht an den Club of Rome von Dennis Meadows zeigte die "Grenzen des Wachstums" an Hand von globalen Berechnungen auf. Das hatte schon Malthus auf seine Weise getan; doch weckte der Club-of-Rome-Bericht trotz seiner zahlreichen Schwächen bei vielen das Bewußtsein der Endlichkeit einer Ressource, die wir immerfort nur zerstören: der Luft zum Atmen. Die menschliche Lebensumwelt auf dieser Erde ist für alle ein und dieselbe. Wie das Ende der Dinosaurier vor Äonen könnte eines Tages das Ende der Menschheit kommen.

Ganz neu war das 1972 nicht mehr. Die Diskussion um Atomwaffen hatte das Schreckgespenst der Selbstzerstörung schon früher beschworen. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurde die Angst zum ersten Mal konkret. Wie soll man es verstehen, daß ein Unfall in der Ukraine das Rentier von Lappland und das Gemüse von Frankreich ungenießbar macht?

Die Information über solche Ereignisse war schon seit einiger Zeit nahezu weltweit verfügbar (wenngleich noch Anfang der siebziger Jahre weite Teile Asiens kein Fernsehen besaßen). Erst die Informationsrevolution machte indes die gesamte bewohnte Welt zum realen (oder doch zum virtuellen?) Raum. Der Weg vom Telephon über den Computer zum Internet beseitigte Grenzen wie keine technische Entwicklung zuvor.

Damit wurden konkrete wirtschaftliche Auswirkungen der Globalisierung erkennbar. Die Finanzmärkte erfuhren diese zuerst. Manche erinnern sich noch an eine Zeit, in der die City of London gegen zehn Uhr morgens zum Leben erwachte, für ihre privilegierten Bürger um halb ein Uhr mit einem Sherry der ausgedehnte Lunch begann, man um drei Uhr noch einmal auf die Ticker guckte, um die ersten Börsenzahlen der Wall Street zu sehen, und dann zum Golfspielen aufs Land fuhr. Heute wacht die City 24 Stunden am Tag; zum Sandwich-Lunch mit Mineralwasser bleiben gerade zwanzig Minuten; wer um neun Uhr abends nach Hause fährt, kann schon im Pendlerzug um sechs Uhr am nächsten Morgen in der Financial Times ein neues Bild der Aktien- und Wechselkurse sehen.

Der Weg von den Finanzmärkten zu denen des Handels, der Dienstleistungen und der Produktion war dann nicht mehr weit. Wer in Oxford ein Flugticket bestellt, wird wahrscheinlich mit einer Computerzentrale in Bombay verbunden; wer eine Pille schluckt, um bei Sinnen zu bleiben, findet auf der Schachtel zwar einen heimischen Aufdruck, aber das Medikament wird in Singapur hergestellt. Selbst kleine und mittlere Unternehmen zögern nicht mehr, weit über die Grenzen des eigenen Landes hinauszublicken und zu Hause nur noch ein kleines Büro aufrechtzuerhalten. Nationale Wirtschaftsstatistiken haben fast völlig ihren Sinn verloren.

II.

Das sind Anspielungen auf einen großen Prozeß, der dennoch nicht mißverstanden werden darf. Es geht nicht um Naturgewalten, die plötzlich auf die erstaunte Welt losgelassen werden. Weder Neil Armstrongs Mond-Besuch noch die Veränderung im Lebensrhythmus der Londoner City ist eine bloße Konsequenz technischer Möglichkeiten. Die Bedingungen der Umsetzung dieser Möglichkeiten in Realitäten stellen vielmehr eine der wichtigen Fragen, von denen zuwenig die Rede ist. Wer hatte ein Interesse an der Globalisierung? Wer profitiert von ihr?

Nur drei Faktoren seien hier erwähnt, zwei reale und ein geschichtsmetaphysischer. Zunächst ist es wohl kein reiner Zufall, daß die neuen technischen Möglichkeiten in eine verbreitete Stimmung der Deregulierung fielen. Diese Stimmung setzte sich in großen Ländern, vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien, durch. Sie ging indes weit darüber hinaus. Das Ende des Dollar als intendierter Reservewährung - die Aufhebung seiner Konvertibilität in Gold 1971 - war ein wichtiger Schritt. Mit dem Floating begann ein Prozeß, der die Globalisierung der Finanzmärkte zumindest erleichterte. Zudem begannen zwei Runden der Handelsliberalisierung. Die Uruguay-Runde im damaligen Gatt schloß in gewissem Umfange auch Dienstleistungen ein. Sie führte zu einem neuen Regulator, der 1945 vergeblich erstrebten WTO oder Welthandelsorganisation.

Im nachhinein erscheint die Reagan-Zeit als Geburtsstunde eines neuen Unternehmertums. Als erwachten sie aus einem Winterschlaf, haben vor allem amerikanische Unternehmer in den achtziger Jahren neue Horizonte erkundet. Silicon Valley ist geradezu zum Symbol eines jungen, frischen und erfolgreichen Unternehmertums geworden. Daß nicht alle entwickelten OECD-Länder davon erfaßt wurden, ist ein eigenes Thema. In Deutschland zum Beispiel gab es nur ein Stück Papier, das sogenannte Lambsdorff-Papier von 1982. Aber in vielen Ländern begann ein neuer Wind der Hoffnung und des Fortschritts zu wehen.

Dazu gehörten - dies ist der dritte Faktor - vor allem auch die bisherigen Entwicklungsländer. Mario Vargas Llosa beschreibt in seinem Buch über den von ihm verlorenen peruanischen Präsidentschaftswahlkampf die Wirkung seiner These, daß Länder sich heute entschließen können, reich zu werden oder arm zu bleiben. Das sei also kein Schicksal, sondern eine Frage des Wollens; das Können ergebe sich dann bald. In Südostasien brauchte das niemand mehr zu sagen; da hatte die Entwicklung schon begonnen. Lateinamerika folgte bald. Dann ergriff die neue Hoffnung auf Wohlstand aus eigener Kraft die großen Länder der Welt, also China, auch Indien. Wer heute von der Dritten Welt spricht, meint im Grunde nur noch Afrika, und selbst da ist im Norden wie im Süden die Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung erwacht.

Zieht man die Summe aus solchen Entwicklungen, so kommt man vor allem zu dem Schluß, daß wirtschaftliche Entwicklung in den neunziger Jahren tatsächlich global geworden ist. Das ist sogar die entscheidende Tatsache, die nämlich begründet, warum die Wettbewerbsfähigkeit ihre Qualität verändert hat. Der Weltmarkt ist nicht mehr ein europäischer gemeinsamer Markt, nicht einmal mehr ein OECD-Markt, sondern ein beinahe die ganze Welt umfassender Markt.

III.

Noch in anderer Hinsicht bedarf der Gedanke eines Automatismus der Globalisierung der Einschränkung. Genau besehen ist das Wirtschaften in der globalisierten Welt weder weltweit noch durchgängig vom Weltmarkt bestimmt. Das sind zwei verschiedene Thesen, die dennoch zusammengehören.

Nicht selten wird das Wort "global" leichtfertig verwendet für Dinge, die nur weit weg, irgendwo in der Ferne geschehen. Tatsächlich operieren wenige Firmen in der ganzen Welt. Die meisten haben ihren bevorzugten regionalen Radius. Sie konzentrieren sich auf begrenzte Marktsegmente. Selbst in der Produktion ziehen sie konkrete Beziehungen zu Standorten in Tschechien oder Kasachstan oder Indien vor. Die Welt ist die Chance; aber in ihr entstehen neue Strukturen wirtschaftlicher Beziehungen. Ob zu diesen auch organisierte Marktzonen wie die EU, die Nafta und Asean gehören, wird sich noch zeigen müssen; da sind jedenfalls Zweifel angebracht. Genauer als "Globalisierung" ist jedenfalls die Rede von der Internationalisierung des Wirtschaftens.

Die andere Seite der Begrenzung der Globalisierung ist im Zusammenhang dieser Anmerkungen noch wichtiger. Nicht alle Bereiche der wirtschaftlichen Tätigkeit sind in gleicher Weise den Winden des Weltmarktes ausgesetzt. Wenn Globalisierung zur Mode, ja zum Alibi für allerlei Interessen wird, geht zuweilen der Sinn dafür verloren. Um nur ein paar wichtige Punkte zu nennen:

Es gibt eine legitime öffentliche Sphäre, die nicht direkt mit der anderer Länder und Regionen konkurriert. Die öffentliche Verwaltung von Recht und Ordnung, von Sozialleistungen, von Bildung, auch von Steuern und daraus entspringenden Aktivitäten gehört hierhin; wenngleich es nicht ganz leicht ist, die Grenzen der öffentlichen Sphäre zu ziehen. Manche Länder gehen heute bis zur Privatisierung von Gefängnissen, ja auch der Steuerverwaltung.

Es gibt einen Bereich von Dienstleistungen, die sich dem Globalisierungsdruck entziehen (sollten). Von Kindergärten über Krankenhäuser zu Altersheimen hat die Rede von der Notwendigkeit des Sparens, des Downsizing, jedenfalls keinen weltwirtschaftlichen Sinn. Man könnte sogar argumentieren, daß bestimmte Bereiche der (primären und sekundären) Produktion nicht notwendig globalem Druck ausgesetzt sind. Es ist Unsinn, den Weltmarkt gegen den Ökobauern und den Kunsthandwerker ins Feld zu führen.

Es gibt lokale, auch regionale Wirtschaftsräume, die in bestimmter Hinsicht autark sind, ohne darum protektionistisch zu sein. Hier wird die Analyse komplizierter. Die Frage der Tante-Emma-Läden in einer Supermarkt-Welt wird mit Recht viel erörtert. Auch regionale Konsumpräferenzen passen nur bedingt in das Bild der Globalisierung. Und was spricht dafür, eine Stadt wie Parma von ihrem Umland durch qualitativ schwerer kontrollierbare Importe zu trennen? Es bleibt also die Frage der Grenzen der Globalisierung. Globalisierung ist jedenfalls nicht der einzige relevante Faktor für Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft.

IV.

Die Folgen des Prozesses, der im Namen der Globalisierung die Wirtschaften vor allem der entwickelten Länder erfaßt hat, sind indes enorm. Es ist wichtig, sie ohne Euphorie, aber auch ohne Nostalgie zu schildern.

Auf der Habenseite ist zunächst festzustellen, daß die Globalisierung ungeahnte neue Lebenschancen für ungezählte Millionen von Menschen eröffnet. Das gilt vor allem in den einst so genannten Entwicklungsländern, die nun zum Teil der wirtschaftlich entwickelten Welt werden. Niemandem steht es zu, Chinesen und Brasilianern zu verweigern, was Deutschen und Kanadiern Vergnügen macht, also Wohnungen und Waschmaschinen, Autos und Ferienreisen. Nie zuvor haben so viele Menschen so viele Optionen gehabt wie heute.

Auch in der seit längerem schon entwickelten Welt bedeutet Globalisierung neues Wachstum. Das Risiko des Wachstums ist mittlerweile bekannt; auch kann man über die Wachstumsmasse streiten, die wir verwenden (Bruttosozialprodukt, Produktivitätssteigerung und so weiter). Im ganzen aber werden auch die OECD-Länder reicher. Der Volkswohlstand zumindest, the wealth of nations, nimmt zu. Sodann gibt es eine Art Aufbruchsstimmung, die nicht unter düsteren Prognosen und tatsächlichen Problemen begraben werden sollte. Die große, eine Welt ist eine Chance. Auf den Flugplätzen, vor den Fernsehgeräten, am Internet gibt es viele, die den Pessimismus der Älteren Lügen strafen. Von den Shareholders, den Aktionären, ist dabei noch gar nicht die Rede.

V.

Nur: Wie steht es mit den Stakeholders, jenen Teilhabern des Wirtschaftsprozesses also, die keine leichtverkäuflichen Aktien haben, sondern darauf angewiesen sind, daß der Weltmarkt ihnen ein kleines Plätzchen einräumt? Der hier angedeutete Prozeß hat, wie alle großen Revolutionen der Produktivkräfte, Nebenwirkungen, von denen manche meinen, daß ihr Gewicht die positiven Wirkungen übersteigt. Um nur die wichtigsten aufzuzählen:

Wettbewerbsfähigkeit in einem unnachsichtigen Weltmarkt verlangt, daß alle Leistungen zum günstigsten möglichen Preis erbracht werden. Damit werden Kosten zu dem Kernthema für Unternehmen. Da Arbeitskosten vielfach der wichtigste Kostenpunkt sind, werden sie verringert. Das heißt vor allem Reduktion der Zahl der Beschäftigten auf das nötige Minimum. Dieses läßt sich durchaus nicht eindeutig bestimmen, doch ist klar, daß viele, vor allem viele Angestellte, ihre Stellung verlieren und - wenn überhaupt - ersetzt werden durch Teilzeitbeschäftigte oder Vertragsangestellte.

Ein wichtiger Kostenfaktor sind die Lohnnebenkosten, aus denen - neben anderen Steuern und Abgaben - der Wohlfahrtsstaat finanziert wird. Viele Entwicklungen zwingen zu einer Reform des Wohlfahrtsstaates, aber eine davon hat es mit der Globalisierung zu tun. Das bedeutet, daß von der Lohnfortzahlung bis zur Berufsausbildung, von den direkt firmenbezogenen Leistungen bis zu den versicherungsabhängigen Anrechten Einschränkungen wahrscheinlich sind, die Beschäftigte wie Nichtbeschäftigte treffen.

Der geschilderte Prozeß hat fast notwendig eine perverse Konsequenz, die in den USA und Großbritannien bereits statistisch nachweisbar ist. Mittlere und untere Einkommen stagnieren oder sinken: Die für Generationen kennzeichnende Erwartung steigender Realeinkommen gilt nicht mehr. Zugleich wachsen Spitzeneinkommen, ja überhaupt die oberen zehn Prozent der Einkommen, außerordentlich. Die Einkommensschere öffnet sich, nachdem sie sich jahrzehntelang tendenziell geschlossen hatte. Es entsteht eine neue Kategorie der Superreichen.

Ihr Gegenstück ist nicht nur der zunehmend prekäre Mittelstand von Angestellten und Managern, sondern vor allem der Ausschluß einer beträchtlichen Zahl also die Entstehung einer Unterklasse. Quantitative Schätzungen sind schwierig, aber zehn Prozent dürfte in vielen Ländern eher zu niedrig gegriffen sein. Ausschluß bedeutet, daß Menschen keinen Zugang mehr haben zum Arbeitsmarkt, zu relevanten sozialen Prozessen (einschließlich der Supermärkte, der Fußballstadien und dergleichen), zur politischen Teilnahme.

In der Shareholder-Stakeholder-Sprache formuliert, bedeutet dies, daß die direkt am Unternehmensgewinn Beteiligten alle Vorteile, die indirekt an der Unternehmensexistenz Interessierten alle Nachteile haben. Der Weltmarkt frißt die Teilhabe-Suchenden und läßt die, die Anteile haben, ungeschoren.

VI.

Zu den wichtigsten Folgen dieses Prozesses gehört die Gefährdung des sozialen Zusammenhalts. Globalisierung bedeutet, daß Konkurrenz groß- und Solidarität kleingeschrieben wird. Das ist zum Teil eine Frage der Werte. In der hier geschilderten Szenerie der Globalisierung haben die, die auf eigenen Füßen stehen und sich gegen andere durchsetzen können, viele Vorteile. Noch einmal ist vor Nostalgie zu warnen: Selbständigkeit und Eigentätigkeit sind Werte, die lange Zeit zu gering geschätzt wurden. Das gilt auch für unternehmerische Initiative. Die Fähigkeit, sich unter schwierigen Wettbewerbsbedingungen durchzusetzen, darf nicht von vornherein als Sozialdarwinismus verketzert werden. Doch können solche Werthaltungen eine Bedeutung erringen, die alle anderen Werte vernachlässigt. Erst wenn der Wettbewerbsindividualismus absolut gesetzt wird, führt er zu jener Mischung von oft mit Unehrlichkeit gepaarter Gier und der Vernachlässigung der Schwächeren, die viele vor hundert Jahren abgestoßen hat und heute wieder abstößt.

Der sozialdarwinistische Überlebenskampf aller gegen alle wird durch institutionelle Entwicklungen verschärft. Von der Schwächung der Teilhaber, der Stakeholders, war schon die Rede: Regelmäßige Lieferanten und verläßliche Abnehmer, Stammkunden, langjährige treue Beschäftigte, eine gute Wechselbeziehung zwischen Wirtschaftsunternehmen und ihren Heimatgemeinden sind sämtlich Werte, die auch handfeste Vorteile haben. Ein Wirtschaftsstandort ist nicht nur ein Ort der niedrigen Löhne und Steuern; in der Tat können entwickelte Länder am Ende möglicherweise nur durch Qualitäten konkurrenzfähig bleiben, die im weiten Sinne sozial sind.

Die notwendigen Reformen des Wohlfahrtsstaates werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Gleichgewicht von Eigenbeteiligung und Gemeinschaftsverpflichtung führen. Das muß indes den Sozialstaat als soziales Bindemittel nicht zerstören. Manche Sozialleistungen fördern ohnehin nur Einzelinteressen, nicht den sozialen Zusammenhalt; sie sind die ersten Kandidaten für Reformen. Andere Elemente des Sozialstaates, wie zum Beispiel der Generationenvertrag, sind indes für den sozialen Zusammenhalt unentbehrlich. Ihre Reform darf nicht ihr Prinzip verletzen.

Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten, insbesondere solche des Einkommens, Solidarität in einer Gesellschaft zerstören. Sicher aber ist, daß keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen. In modernen Staatsbürgergesellschaften bedeutet solcher Ausschluß die praktizierte Leugnung von sozialen Grundwerten. Das heißt aber, daß eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, daß ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten. Die Beeinträchtigung von Recht und Ordnung ist also eine Folge der Tatsache, daß die Mehrheit eine Minderheit verdrängt und vergißt.

Es kann hier nur angemerkt werden, daß solche Entwicklungen in einem Zusammenhang mit tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt stehen. Globalisierung erlaubt Produktion und Dienstleistungen des Lebensbedarfs mit weit weniger menschlicher Arbeitskraft, als begrenztere Wirtschaftsräume dies in der Vergangenheit taten. Daß dennoch genug zu tun bleibt, bedarf kaum der Erwähnung. Doch wird dieses vielfach anders getan werden müssen, als die alte Arbeitsgesellschaft es wollte: durch Portefeuilles von Tätigkeiten statt traditioneller Berufe, durch eine Mischung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, durch die zunehmende Legitimierung im klassischen Sinn nichtproduktiver Tätigkeiten (für die der Computer ein weites Feld eröffnet). Politische Eingriffe, die über Symptombehandlung hinausgehen, werden bei der Struktur der Arbeit in globalisierten Wirtschaften beginnen müssen.

VII.

Der Begriff der Globalisierung weist in eine und nur eine Richtung: Die Räume des Wirtschaftens werden größer; sie überschreiten die nationalen Grenzen; damit werden auch die Räume relevanter politischer Regelungen weiter. Brauchen wir eine Weltregierung?

Es ist fast schon ein Gemeinplatz, daß internationale Finanztransaktionen sich einstweilen jeder Regelung entziehen. Mindestens einer, der sich diesen Sachverhalt zunutze gemacht hat, hat diesen Mangel zugleich eindringlich beklagt. Auch andere internationale Transaktionen sind der Anarchie des Internet verfallen. Diese wird nicht durch regionale Handelsbündnisse oder selbst Währungsunionen gebändigt. Immanuel Kant hatte recht: Zum ewigen Frieden und zur Weltbürgergesellschaft gehören Institutionen.

Es gibt eine Klasse (wenn das das richtige Wort ist), die diese Institutionen zugleich sucht und fürchtet. Es gibt die globale Klasse derer, die erst durch Globalisierung zu voller Entfaltung kommen. Ihre Leitbilder heißen Bill Gates oder Richard Branson. Sie surfen nicht nur auf dem Internet, sondern auf der ganzen schönen neuen Welt, und, was noch wichtiger ist, sie verbreiten Hoffnung, die Hoffnung der neuen Produktivkräfte.

Es gibt aber auch eine massive Gegentendenz. Wenn nicht alles täuscht, ist diese mehr als ein letztes Zucken der Kräfte der Vergangenheit. Diese Gegentendenz besteht in der entschiedenen Wendung hin zu kleineren Räumen als den Nationalstaaten des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihre Protagonisten wollen nicht Kanada, sondern Quebec, nicht Großbritannien, sondern Schottland, nicht Italien, sondern Padanien. Wenn sie zu Demonstrationen aufrufen, bevölkern Hunderttausende die Straßen und Plätze; wenn sie Volksabstimmungen durchsetzen, haben sie mindestens die Hälfte der Menschen auf ihrer Seite. Der neue Regionalismus ist zudem nur ein Symptom der Gegenbewegung gegen die Globalisierung.

Es gibt auch einen neuen Lokalismus, eine neue Suche nach Gemeinschaft in allen möglichen Formen, eine neue Religiosität und vor allem einen neuen Fundamentalismus. Vielleicht ist der französische Ausdruck besser: Integrismus, also die Suche nach der Aufhebung der großen Dichotomien, vor allem der von Sphären des Glaubens und Sphären der Vernunft. Man muß schon sehr fortschrittsgläubig sein, um in solchen Tendenzen nur Maschinenstürmerei zu sehen, die bald vom Fortschritt der Technologie erledigt wird. Wahrscheinlicher ist, daß beide Tendenzen, Globalisierung und Integrismus, zugleich stärker werden. Beide können zudem außer Rand und Band geraten. Es gibt eine wilde und erbarmungslose Globalisierung und einen gewaltsamen Integrismus. Wer von beiden den Sieg davontragen wird, ist nicht leicht vorherzusagen. Man kann sich sogar vorstellen, daß beide eine unheilige Allianz eingehen wie bei der Himmelstor-Sekte von San Diego, deren computergesteuerter Integrismus im kollektiven Selbstmord endete. Wenn etwas bei der Doppelentwicklung auf der Strecke bleibt, dann ist es der Nationalstaat als Gehäuse für Rechtsstaat und Demokratie.

VIII.

Die Entwicklungen, die mit dem Stichwort Globalisierung beschrieben werden, sind ohnehin der Demokratie, wie sie im Westen seit 200 Jahren verstanden wird, nicht förderlich. Globalisierung vollzieht sich in Räumen, für die noch keine Strukturen der Kontrolle und Rechenschaft erfunden sind, geschweige denn solche, die den einzelnen Bürger ermächtigen. Globalisierung entzieht dem einzigen Domizil der repräsentativen Demokratie, das bisher funktioniert hat, dem Nationalstaat, die ökonomische Grundlage. Globalisierung beeinträchtigt den Zusammenhalt von Bürgergesellschaften, auf denen der demokratische Diskurs gedeiht. Globalisierung ersetzt die Institutionen der Demokratie durch konsequenzlose Kommunikation zwischen atomisierten Individuen.

Das ist ein düsteres Gemälde, bei dessen Anblick daran zu erinnern ist, daß Prozesse der Globalisierung Grenzen haben. Sie haben regionale, aber auch ökonomische und soziale Grenzen. Dennoch drängt der Schluß sich auf, daß die Entwicklungen zur Globalisierung und ihre sozialen Folgen eher autoritären als demokratischen Verfassungen Vorschub leisten. Autoritäre Verfassungen aber können dauern; sie sind weder so katastrophenträchtig noch so prekär wie totalitäre Diktaturen. Ein Jahrhundert des Autoritarismus ist keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose für das 21. Jahrhundert.

Für eine solche Prognose sprechen unter anderem diese Gründe:

Die Internationalisierung des Wirtschaftens hat Folgen, denen sich einzelne nicht ohne weiteres entziehen können. Menschen sind Objekte, nicht Subjekte von Prozessen, deren Subjekte möglicherweise überhaupt nicht als Personen identifiziert werden können.

Die einzige Alternative, die aggressive Regionalisierung oder der Fundamentalismus (Integrismus), ist fast strukturnotwendig von Führungsstrukturen geprägt, die man nur als autoritär beschreiben kann.

Die Nebenwirkungen der Globalisierung schaffen Probleme, denen mit normalen demokratischen Methoden abzuhelfen schwierig ist. Schon die Erhaltung von Recht und Ordnung ruft beinahe unweigerlich autoritäre Maßnahmen auf den Plan.

Die zumindest teilweise auf der Globalisierung beruhenden Veränderungen in der Arbeitswelt führen zu einem Verlust an sozialer Kontrolle. Wachsende Tendenzen, diese durch Zwang (Arbeitsdienst) zu ersetzen, sind bereits unverkennbar.

Es wäre nicht schwer, diese Liste zu verlängern. Vor allem die Attraktivität des "asiatischen" Kapitalismus-Modells ist anzuführen. Viele halten es für dem angelsächsischen wie dem rheinischen Modell überlegen. Wenn sie denn schon eine Wahl treffen müssen, dann haben sie lieber Wirtschaftswachstum und sozialen Zusammenhalt mit weniger Demokratie als Wirtschaftswachstum und Demokratie ohne Solidarität (angelsächsisches Modell) oder Solidarität und Demokratie ohne Wirtschaftswachstum (rheinisches Modell). Lassen sich nicht alle drei Ziele erreichen? Ich habe von einer Quadratur des Kreises gesprochen, weil die drei sich allenfalls annäherungsweise erreichen lassen. Der Versuch allerdings ist möglicherweise das erste Ziel einer Politik der Freiheit für das kommende Jahrzehnt und darüber hinaus.

IX.

Es bleibt noch ein wichtiges Element der Hoffnung anzumerken. Der Begriff der Globalisierung legt nicht nur (fälschlich) einen Weg auf einer Einbahnstraße nahe, sondern auch einen, der alle - alle Menschen, alle Unternehmen, alle Länder - in gleicher Weise betrifft. In der Tat erscheint Globalisierung unter anderem als ein großer Gleichmacher. Das ist jedoch ein leichtfertiger und gefährlicher Irrtum. Ihn zu korrigieren ist möglicherweise der erste und entscheidende Schritt auf dem Weg zu Lösungen der hier angedeuteten Probleme.

George Soros hat in seinem Atlantic Monthly-Artikel (ZEIT Nr. 4/97) die These vertreten, vor 1989 sei der Kommunismus der größte Feind der offenen Gesellschaft gewesen, jetzt aber sei es der Kapitalismus. Was für ein erstaunlicher Irrtum! Der Witz der offenen Gesellschaft liegt gerade darin, daß sie viele Wege erlaubt, auch viele Kapitalismen. Vom asiatischen, angelsächsischen und rheinischen Kapitalismus war schon die Rede; in Wirklichkeit gibt es noch viele andere Varianten. Italiens Kapitalismus ist nicht rheinisch, Irlands nicht angelsächsisch und Japans nicht asiatisch im Sinne von Singapur. Viele Wege führen nach Rom, wobei Rom für die größten Lebenschancen der größten Zahl steht.

Es ist wahrscheinlich, daß sich in der gegenwärtigen Phase der Wirtschaftsentwicklung viele Unternehmer in aller Welt an den kostengünstigsten, gewinnträchtigsten Unternehmen orientieren werden. Die Behauptung ist jedoch nicht gewagt, daß es in zehn Jahren noch immer große Unterschiede zwischen der Art und Weise geben wird, in der Toyota, Volvo, Daimler-Benz, BMW, Renault und andere ihre Beschäftigten und Lieferanten, ja ihre Aktionäre und Teilhabe-Beanspruchenden behandeln werden. Wirtschaftskulturen sitzen tief, verändern sich nur langsam, haben vor allem ihre eigene Kraft und auch ihren eigenen Nutzen.

Das gilt sogar für Volkswirtschaften, trotz aller Schwächung des Nationalstaats. "Soziale Marktwirtschaft" bleibt ein sinnvoller Begriff, auch wenn er in Großbritannien, geschweige denn in den USA, keinen rechten Sinn ergibt. Und trotz aller offensichtlichen Veränderungen werden die Analysen der japanischen Unternehmenskultur nicht ihren Wert verlieren. "Kapitalismus pur" gibt es nur in den Lehrbüchern von Chicago. Noch eine globalisierte Welt von Wirtschaft und Politik bleibt voller Vielfalt. Es lohnt sich also, die Quadratur des Kreises mit den Mitteln zu verfolgen, die das jeweils eigene Land seinen Bürgern kraft Tradition und Erfahrung zur Verfügung stellt. Globalisierung tut vielen weh, aber existentielle Angst vor ihr ist nicht angesagt.

Dieser Text erscheint demnächst in dem von Ulrich Beck herausgegebenen Sammelband "Perspektiven der Weltgesellschaft" (Edition Zweite Moderne, Suhrkamp). Für den Vorabdruck haben wir ihn unwesentlich gekürzt