ARD, Sonntag, 9. November: "Schimanski - die Schwadron"

Mensch bleiben mitten im Apparat, das war Schimanskis Devise, als er noch für den "Tatort" ermittelte, und sie hat ihn fertiggemacht. Er kriegte ein Disziplinarverfahren angehängt, mußte seine Hundemarke abgeben und sich in Belgien als Boxtrainer durchschlagen - bis die Kripo im Revier begriff, daß sie auf einen wie ihn nicht verzichten kann. Menschen werden eben doch gebraucht, auch im Zeitalter der computerisierten Rasterfahndung, ja gerade dann. Sie werden seltener. Der Funktionär, der sich mit der Hierarchie und der Technik zurechtfindet, ist die Regel. Das wäre okay und genug, wenn nicht das Verbrechen in seinen tiefsten Tiefen immer vor allem dies eine wäre: unberechenbar menschlich. Mit Elektronik kommt man da nicht weit, man wird zurückgeworfen auf das uralte Analogverfahren, das man Einfühlung nennen könnte oder Instinkt. Über solche netzunabhängigen Zugriffskräfte verfügt Schimanski von Natur aus. Er ist der Einspruch des Affekts gegen den Dienstweg, der Aggression gegen die Kontrolle, des Animalischen gegen die Mathematik und so zunächst mal sympathisch - aber ähnlich unberechenbar wie der kriminelle Sumpf und deshalb als Bulle ein Problem. Als er noch den Kollegen Thanner an seiner Seite hatte, einen besonnenen Cop, der die Dienstvorschriften wenigstens mal gelesen hatte, ging's meist gerade noch gut. Jetzt aber ist Thanner - als Figur - seinem Darsteller Eberhard Feik hinterhergestorben; Schimanski ist allein und auch noch aufgerufen, den Freund zu rächen. Wer wird ihn nun bändigen?

Niemand, und das ist das Gute an dem neuen "Schimi". Der Konflikt zwischen einer Urgewalt wie der menschlichen Wut und einem Stück Papier wie der Polizeidisziplin schmilzt weg, zumal die Spur des Verbrechens ins Kommissariat zurückführt und ein Bulle von altem Schrot und Korn - "Wir tun, was getan werden muß" - sich als der Täter erweist. Dieser Kollege, den Schimanski am Schluß stellt, hätte er selbst sein können: ein durchgeknallter Gerechtigkeitsfanatiker, der "nicht tatenlos zusehen kann, wie die Welt in der Barbarei versinkt". Nur ein schmaler Grat, nicht breiter als Schimis gesunder Menschenverstand, hat den Guten davor bewahrt, so zu werden wie der Böse. Und natürlich die Konvention der Fernsehfiction, derzufolge ein Schimi nicht wirklich abdriftet...

Doch immerhin, hier ist man weit gegangen bei der Relativierung von Gut und Böse - nicht nur im Wort (Buch: Matthias Seelig), auch im Bild (Regie: Joseph Rusnak). Das Blut, das Götz George minutenlang wie eine Maske im Gesicht trägt und durch das hindurch er sogar eine kühle Staatsanwältin anbaggert, ist nicht sein eigenes. Es stammt von einem Gangster, der, im Clinch mit Schimi, vom Kollegen Schrader in den Hals geschossen wurde. Die Szenerie des Verbrechens, seiner Verfolger, der zufällig hineingeratenen, sie ist eine anarchische Walstatt, auf der es keine klaren Frontlinien mehr gibt, keine Uniformen, keine Gesetze - nur noch Hinterhalte, Verrat, Fanatismus, vermintes Gelände.

Ist denn wenigstens der Menschlichkeit eines Schimanski noch zu trauen, seiner Witterung, seiner Schlauheit, seinen Fäusten? Im Fernsehen immer. In Wirklichkeit läuft es wohl eher so, wie Schrader sagt: "Spielt doch eh keiner ein sauberes Spiel."