Das Grab auf dem Pére Lachaise ist noch mit Chrysanthemen bedeckt, ein Gruß zum Fest Allerheiligen. Da stört ein Beschluß des Pariser Berufungsgerichts die herbstliche Friedhofsruhe: Yves Montand muß exhumiert werden, urteilte der Richter. Die makabre Neuigkeit empört zahlreiche Franzosen. Viele besuchen die Grabstätte, wo der Sänger und Schauspieler an der Seite seiner Ehefrau, der Schauspielerin Simone Signoret, liegt.

Genau sechs Jahre ist Montand tot. Nun sollen die Überbleibsel in seinem Sarg verraten, ob er möglicherweise gelogen und vor mehr als zwanzig Jahren ein Kind gezeugt hat. Aurore Drossart heißt die heute 22jährige junge Frau, die schon zu Montands Lebzeiten gemeinsam mit ihrer Mutter dafür kämpfte, als Tochter des Stars anerkannt zu werden. Montand hatte die Vaterschaft stets abgestritten. Er lehnte es aber auch ab, Klarheit zu schaffen: Als ein Gericht ihn 1990 zur Blutprobe aufforderte, weigerte er sich. Das Geheimnis nahm er 1991 mit ins Grab.

Die französische Öffentlichkeit ist empört, daß die Justiz Montand nun post mortem vorladen kann. Tote rührt man nicht an, lautet die vorherrschende Meinung. Und vergißt offenbar, wie selbstverständlich Leichen exhumiert werden, wenn der Verdacht aufkommt, daß sie Opfer eines Verbrechens gewesen sein könnten. Diesmal jedoch soll ein Toter als Täter überführt werden - das schockiert. Hinzu kommt, daß Montand ein Idol war: Der Sohn italienischer Immigranten hatte sich vom Friseurlehrling zum internationalen Star emporgearbeitet. Sein politisches Engagement gegen Faschismus, für Kommunismus und später gegen Totalitarismus auf beiden Seiten machte ihn populär. Er trat für die vietnamesischen Boat people ein, stritt für Dissidenten im Ostblock und gegen die Ausländerfeindlichkeit im eigenen Land. Zudem zeichnete ihn seine Fähigkeit aus, auch Fehler einzugestehen, jedenfalls die politischen.

"Laßt ihn in Frieden", mit dieser Schlagzeile faßte das Boulevardblatt France-Soir die Stimmung im Land zusammen. Bernard Kouchner, Staatssekretär für Gesundheit und persönlicher Freund des Künstlers, bedauert, daß das Recht auf Würde des Menschen verletzt werde. Nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Jacques David, grenzt die Exhumierung sogar an Grabschändung. Die allgemeine Empörung schlägt noch höher, weil Aurore Drossart, der möglichen Tochter, natürlich materielle Interessen nachgesagt werden. Dabei waren es die legalen Angehörigen, die eine biologische Expertise wünschten. Sie wehren sich gegen ein erstes Urteil von 1994, in dem Aurore tatsächlich als Tochter von Yves Montand anerkannt worden war.

Ihre Mutter, Anne-Gilberte Drossart, hatte Montand 1974 bei Dreharbeiten kennengelernt. Wie Edith Piaf und Marilyn Monroe vor ihr verfiel die damals Neunzehnjährige seinem Charme. Fast zwei Jahre, so behauptet Mme. Drossart, dauerte die Affäre. Als die Geliebte schwanger wurde, habe er sie sitzengelassen. Anne-Gilberte erklärt heute, daß sie ihre Ansprüche damals aus Respekt vor Simone Signoret nicht geltend gemacht habe.

Montand hatte hingegen kein Problem, die Tochter seiner Frau Simone Signoret zu adoptieren. Die Ehe selbst blieb 34 Jahre lang kinderlos. Nach dem Tod der Schauspielerin heiratete er wieder und wurde - im Alter von 67 Jahren Vater. Anne-Gilberte Drossart irritierten die Bilder vom glücklichen Vater. Daß der kleine Valentin der Nation als erstes Kind von Yves Montand präsentiert wurde, fand sie unerträglich. Sie zog vor Gericht. Die Justiz forderte Montand damals wiederholt zum Bluttest auf. Die Analyse setzt in Frankreich jedoch das Einverständnis des Betroffenen voraus. Der eigentliche Skandal liegt eher darin, daß der Sänger sich weigerte.

Nach seinem Tod kam ein Pariser Gericht aufgrund von Zeugenaussagen und der auffälligen Ähnlichkeit zwischen Aurore und Montand zu dem Schluß, daß dieser tatsächlich der Vater sein müsse. Auch die Verweigerung des Vaterschaftstests wurde gegen ihn ausgelegt. Carole Amiel, die Mutter des kleinen Valentin, und Montands Adoptivtochter Catherine Allégret wehrten sich gegen die neue Verwandte: Sie legten Berufung ein. Daraufhin wurden Blutproben von Aurore, Valentin und Montands lebender Schwester verglichen. Aurore, so das Ergebnis der Biologen, sei vielleicht doch nicht Montands Tochter. Sicherheit konnte die Expertise jedoch nicht liefern.