Der türkisch-deutsche Schriftsteller und Held der jugendlichen Kanaksta-Bewegung Feridun Zaimoglu, 32, Autor von "Kanak Sprak" und"Abschaum" (Rotbuch Verlag), Star der Frankfurter Buchmesse, Idol militanter Türk-Rapper und Liebling multikulturell Empfindender

E wirkt wie das genaue Gegenteil eines türkischen Straßenjungen. Malcolm X der Türken? Er ist ruhig, vom Medienrummel unbeeindruckt. Süffisantes Lächeln, hochgezogene Augenbrauen, dünnes Oberlippen- und Kinnbärtchen nach Art eines spanischen Granden, halb Herzog von Alba, halb Großwesir von Palermo, wallendes Haupthaar. So einer zerstört die Inka-Kultur, so ein vornehmer Konquistador, aber auch unsere? Amüsiert sieht er sich im Publikum um. Dem Moderator Klaus Bednarz verrutscht die Lesebrille, als er, den roten Faden längst verloren, mehr stammelt als fragt: "Man hat das Gefühl, daß Sie gar keine Hoffnung haben auf Versöhnung von Deutschen und Türken?"

Da legt er wieder los: "Wir sind in einem Land, in dem Stimmung gemacht wird ... dieses Deutschland ist ein Land der Razzien und des Totschlags ... es gärt, es tobt da draußen ..." Ohne auf die Frage einzugehen, stellt der Autor selbst Fragen, die er dann im Stakkato-Rap beantwortet, sich steigernd und mit alttestamentlicher Wucht. Es ist, als sei er ein Topgangsta mit einer Maschinenpistole: Selbst ganz cool, mähen seine herausgestoßenen Worte ganze Armeen nieder. Es gebe keine Türken, es gebe keine Herkunft, es gebe keine Identität, das sei alles Gehirnwichse, es gebe nur die Kanaksta und Kanaka, die kämen jetzt raus aus ihren Räumen! Die Devise heiße: Kanak Attack!

"Selbstverständlich könnten gewisse Mißverständnisse, äh, müßten Mißverständnisse ausgeräumt werden, also ...", bemüht sich Bednarz, den Autor von "Kanak Sprak / 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft" zu stoppen. Das Publikum, anfangs wohlwollend applaudierend, schweigt verstört. Kirchentagsdelegierte, Mittelscheitelstudenten, Multikulti-Vollbartlehrer, Vegetarier, Kurzhaarfrauen mit einem Palästinensertuch vor der Brust: asketisch, sinnfeindlich, deutsch.

Feridun Zaimoglu haßt diese Leute. Auch in Kiel, ein paar Tage später, sitzen sie ihm nachts um drei Uhr gegenüber, im Rahmen einer 24-Stunden-Lesung, die Backen voller Nullsätze wie Klaus Bednarz, dessen Anfangsmut ("In Ihren Büchern sind alle Türken kriminell und gewalttätig. Können Sie das erklären?") bald verflogen ist. Feridun ärgert sich, vor allem beim Lesen der eigenen Texte durchströmt ihn maßloser Zorn. Er liest hektisch, ballt die Faust. Sie verstehen ihn trotzdem nicht, die Alemannen, die Zombies. Eine böse Ärgerfalte durchschneidet die beiden Stirnhälften, der Kopf ist gesenkt, das Gesicht weiß und schmal, und die schwarzen Locken zucken wirr, wenn er, mit verächtlich heruntergezogenen Mundwinkeln, über den Geschlechtsverkehr der Deutschen herzieht, kapitellang und gnadenlos:

"Bruder, das nenn ich Hirnfick des Alemannen, der wie ein stock-elender Kommandeur die Gerade anpeilt und beim Vögeln geometrisch daherkommt ... und die Seiten von nem weisen Handbuch abfickt ... Null Tempo, und wie es der olle Zufall will, is da neben der Bodenmatratze, wo die man mitm Japanschnack bezeichnen tut, ne Tüte voll mit Leckerlis, unds Programm vonner Glotze hat auchn Thriller parat, so daß der Abend auch gerettet ist, weil sonst müssen ja Macker und Tussi das Maul aufmachen und ne Meinung kundtun, und weil sone Menschenrede zwischen Mann und Frau bei den Alemannen meist inne dumpfe Suppe abschmiert, tut man so, als hätte der Fick ein Dutzend Affen zum Brüllen gebracht. Und die Tussi sagt: Hans, das hast du man wieder gut gemacht, und Hans ist oberwohl in seiner Brust, weil der denkt: Mensch, ich hab Petra wieder einen gegönnt."

Was sollen sie darauf erwidern, die bebrillten Körperlosen der attackierten "Mehrheitsgesellschaft", die Mädchen, blond und großäugig hier im hohen Norden, offener Mund, offenes, uneitles Wesen, sie wollen ja so gerne helfen, die Jungs im Seemannspullover mit Reißverschluß. "Alle meine Freundinnen", sagt Feridun später im privaten Kreis, und er sagt es so lieb und mild, wie er vorher aggressiv und unversöhnlich sprach, "waren deutsche Frauen. Und sie waren in jeder Hinsicht menschlich und wunderbar."