So hatte sich Johannes Frese seinen Studienbeginn nicht vorgestellt. In Soziologie drängelte er sich mit 270 Kommilitonen im Einführungsseminar, in Politologie waren es 600. Überall hieß es: Erstsemester raus. Höhere Semester hätten Vorrang, weil sie schon in den vergangenen Jahren nicht in die Seminare gekommen seien. Nach einer Woche vergeblicher Studienversuche war der 21jährige "echt depri" und dachte darüber nach, ob er nicht besser Zweiradmechaniker werden solle. Statt dessen probierte er es, da auch Lehrstellen rar sind, mit einer vom Asta empfohlenen Strategie. "Wir sind mit vierzig Erstsemestern in die Seminare gegangen und haben sie gesprengt." Aus den Aktionen entwickelte sich ein Streik. Mit diesem Start ins Gießener Unileben ist Johannes Frese mittlerweile "voll zufrieden: Studieren ging sowieso nicht."

Die Erstsemester haben an der Gießener Uni, wo es schon seit längerem brodelt, den größten Protest seit neun Jahren ausgelöst. In Lehramtsstudiengängen platzen die Seminare aus allen Nähten, viele Bibliotheken haben allenfalls antiquarischen Wert, selbst für Zeitschriften fehlt häufig das Geld. Naturwissenschaftliches Gerät ist von vorgestern, einige Gebäude sind so marode, daß es durchs Dach regnet.

Jetzt haben die Studenten siebzehn von zwanzig Fachbereichen besetzt und die Gebäude verrammelt. Kommilitonen von anderen Unis tun es ihnen nach. In Frankfurt und Marburg erklärten die Studenten den Ausstand, und auch mehrere Fachhochschulen schlossen sich an. Zu einer landesweiten Demonstration in Wiesbaden am Mittwoch der vergangenen Woche kamen zehntausend.

Während in früheren Zeiten schon mal Wasserwerfer gegen protestierende Studenten aufgefahren wurden, hagelt es derzeit Solidaritätsadressen Die Gießener Bürgermeisterin Karin Hagemann ist stolz auf "ein bundesweites Signal". Kreistag und Stadtverordnetenversammlung bekundeten ihre Solidarität. Die Gießener Geschäftswelt spendet Getränke, Brötchen und Äpfel für die AG Essen, die den Besetzern täglich Frühstück und eine warme Mahlzeit liefert - Bäckereien, Getränkehändler, ein Obstladen und eine große Supermarktkette machen mit.

Der Personalrat verabschiedete eine Resolution, Sekretärinnen gaben Geld für die Streikkasse. Wo die Bürgermeisterin den Aufstand predigt, da kann auch ein Hausmeister subversiv werden. "Wenn wir sagen, der Aufzug darf nicht funktionieren, funktioniert der nicht", freut sich Mathias Wendelin, der Theaterwissenschaften studiert.

Die meisten Dozenten sind geradezu dankbar für den Streik, allen voran Universitätspräsident Heinz Bauer. Er mußte allein in diesem Jahr beim Personal mehr als sieben Millionen Mark sparen. "Endlich passiert was, es war höchste Zeit für den Protest." Der 63jährige Virologe hofft, daß die Studenten "Eindruck machen", und will seinen Teil dazu beitragen. Er hat die Professorenschaft aufgerufen, auf die Straße zu gehen, und auch selbst schon zweimal demonstriert. Von den Dekanen der Fächer Jura und Veterinärmedizin hat er es schriftlich, daß sie den Protest unterstützen. Die Beschwerden dreier Dozenten über den Streik sind ihm "völlig unverständlich. Das müssen wohl die einzigen drei sein, die an der Universität gut ausgestattet sind."

Der 48jährige Anglistikprofessor Ulrich Horstmann fühlt sich durch den Streik an seine eigene Studentenzeit erinnert. Der Alt-68er würde die Dinge wohl am liebsten selber in die Hand nehmen. Jedenfalls widerspricht er energisch, als eine 22jährige Anglistin am Rande einer Vollversammlung für Proteste ohne Veranstaltungsboykott plädiert: "Die Seminarblockade ist wichtig, um dem Streik Durchschlagskraft zu geben."