Berlin ist häßlich. Dieses vorgefertigte Urteil kennt man nicht nur von westdeutschen Touristen. Auch die Einheimischen rechnen das äußere Erscheinungsbild nicht gerade zu den Vorzügen ihrer Metropole. Früher hingegen, so glauben viele, war alles besser. Diese Nostalgie befriedigt nur scheinbar der von dem Kunsthistoriker Harald Brost und dem Historiker Laurenz Demps herausgegebene Bildband Berlin wird Weltstadt (Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1997 268 S., 49,90 DM). Er enthält knapp 300 Aufnahmen, mit denen der Hofphotograph F. Albert Schwartz zwischen 1855 und 1906 den Wandel Berlins von der beschaulichen preußischen Residenz zur modernen Großstadt begleitete.

Doch was auf den ersten Blick die "gute alte Zeit" abbildet, entpuppt sich bei näherem Hinsehen ebenfalls als Zeit des Wandels, des Abbruchs und Wiederaufbaus. Die zweigeschossigen Barockgebäude der Friedrichstadt, die pittoreske Häuserzeile auf der Schloßfreiheit, der alte Berliner Dom - all das war aus dem Stadtbild verschwunden, kaum daß Schwartz' Abzüge trocken waren.

Der historische Wandel der Neuzeit ging auch an den Texten von Brost und Demps nicht vorbei. Es mag die Autoren zwar ehren, daß sie den erstmals 1981 in der DDR erschienenen Band nicht in Wendehals-Manier umschrieben. Doch ließe sich darüber streiten, ob "die Kaserne, in der F. Engels diente, und das berühmte Café Stehely, in dem die bekanntesten Künstler und Wissenschaftler dieser Zeit, u. a. auch Karl Marx, verkehrten", tatsächlich zu den "Kostbarkeiten" des alten Berlin zählten.

Die Dynamik des Wandels führt Rainer Haubrichs Bildband Berlin: Gestern, Heute, Morgen: Auf der Suche nach der Stadt (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1997 87 S., 150 Abb., 68,- DM) schon im Titel. Auf jeweils einer Doppelseite kontrastiert der Herausgeber aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommene Bilder von Bauten verschiedener Epochen miteinander. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert. Zwar weist Haubrich den Nostalgikern nach, daß ihr geliebtes Gründerzeit-Berlin auch ohne den Zweiten Weltkrieg keinen Bestand gehabt hätte: Schon die Architektenavantgarde der zwanziger Jahre plante erhebliche Eingriffe ins Stadtbild. Seinen besonderen Zorn aber erregen die Bausünden der Nachkriegszeit, vor deren Hintergrund ihm Albert Speer mit seinen Germania-Plänen geradezu als Vorläufer einer "behutsamen Stadterneuerung" erscheint. Auch die Neubauten, mit denen der Senatsbaudirektor seit dem Mauerfall den historischen Stadtgrundriß auffüllen ließ, schufen nach seiner Ansicht keine "überzeugenden Stadträume".

Das bedrückende Bild städtebaulicher Brachen, das der Band vermittelt, ist freilich einseitig. Trotz oder gerade wegen seines wechselvollen Schicksals ist Berlin ein einzigartiges Freilichtmuseum deutscher Architektur im 20.

Jahrhundert. Stadtbildprägend sind noch immer die riesigen, weitgehend intakten Gründerzeitviertel, mit denen keine andere Metropole konkurrieren kann. Es gibt, zumal in Deutschland, wahrlich häßlichere Städte.