FRANKFURT AN DER ODER. - MaIgorzata Berezowska hat endlich Zeit, erschöpft zu sein. Die letzten Tage und Nächte haben die Studenten von "Spotkanie - Begegnungen", der deutsch-polnischen Studentenliste, im Keller ihrer Universität verbracht, in einem winzigen Büro, in dem sich alle einig waren, Frankfurt an der Oder nicht länger als Ort des Fremdenhasses ertragen zu wollen. Jetzt fällt die Aufregung, die Unsicherheit, die Ungewißheit von ihnen ab: Über dreitausend waren mit Kerzen in den Händen gekommen, so daß die Lichterkette vom Rathaus in Frankfurt bis zum Rathaus in SIubice reichte.

Und am Ende drängte es dann fast alle über die Oder, hinüber nach Polen, um die Kerzen am Brückengeländer mit Wachs festzukleben, so daß sie noch zu sehen waren, als auf der Friedensbrücke längst wieder der ganz alltägliche Reiseverkehr abgefertigt wurde.

Es war die erste Demonstration in der Stadt an der Oder, die zum Bündnis gegen den Fremdenhaß aufrief. Und niemand wußte, mit wie vielen Frankfurtern und Studenten man rechnen konnte. Das Klima in der Stadt ist rauher geworden, und die Illusionen sind geschwunden, daß die Mehrheit der Bevölkerung vielleicht doch ein wenig stolz darauf ist, daß mit der Europa-Universität Viadrina endlich die Welt in die Provinzstadt an der Oder Einzug hält.

Am letzten Abend im Oktober wurden zwei polnische Studenten in einem dunklen Gang an einer Baustelle am Oderturm, direkt gegenüber der Viadrina, von vier Burschen in Bomberjacken angepöbelt und verfolgt. Am Ende schlug einer von ihnen, vermutlich mit einer Bierflasche, auf den Hinterkopf von Kamil Majchrzak. Der Student aus WrocIaw kam ins Krankenhaus. Wenige Abende später wurde einem Chinesen an einer Bushaltestelle grundlos ins Gesicht geschlagen.

Für den Rektor der Viadrina, Hans N. Weiler, stand nach diesen Vorfällen fest, daß "solche Übergriffe nicht mehr länger zum Alltagsgeschäft gehören dürfen". In einem offenen Brief bezog er zum ersten Mal gemeinsam mit Oberbürgermeister Wolfgang Pohl Position gegen den Fremdenhaß. Ähnlich wie das Land Brandenburg die "Verdrängung solcher Dinge inzwischen zur Kunstform" erhoben hat, wie Weiler ärgerlich feststellt, wiegelte man auch in Frankfurt an der Oder Übergriffe auf Ausländer eher ab. Von Randfiguren wurde dann gesprochen, die nicht ernst zu nehmen seien. Schließlich würden solche Vorfälle in anderen Städten ebenso häufig passieren.

Polizeisprecher Dieter Schulze ist zum Beispiel der Meinung, daß man Skinheads in Bomberjacke und Springerstiefeln nicht automatisch der rechten Szene zuordnen könne. "Das sagt doch noch gar nichts aus. Schließlich laufen fünfzig Prozent der jungen Leute heute so herum, und ich kenne viele sehr freundliche darunter", sagt er, und ihm sei aufgefallen, daß auch immer mehr Studenten in diesem Outfit zur Uni kommen. Schließlich könne er das sehr gut beobachten im Polizeipräsidium direkt gegenüber der Viadrina.

Volkswirtschaftsstudent Matthias Gehrmann weiß darauf eine sehr zynische Antwort: "Vielleicht kleiden sich einige Studenten bald wirklich so, um nicht mehr aufzufallen." Viele polnische Studenten haben ihr Verhalten und ihre Gewohnheiten bereits geändert. Aleksandra JabIonska hat sich ein Fahrrad gekauft, um schneller nach Hause zu kommen, abends geht sie grundsätzlich nicht mehr alleine durch die Stadt, und in bestimmten Ecken Frankfurts war sie schon ewig nicht mehr. Wenn Aleksandra mit polnischen Kommilitonen in Frankfurt an der Oder unterwegs ist, sprechen sie meist deutsch oder unterbrechen ihr Gespräch, sobald sie an einer "unheimlichen Ecke oder an auffälligen Typen" vorbeikommen.