Eine neue Heilslehre macht die Runde in Amerika: der Glaube, daß technologischer Fortschritt und eine grenzenlose globale Ökonomie andauernden Wohlstand und ständiges Wachstum bringen können. Alte volkswirtschaftliche Regeln gelten nicht mehr die Inflation ist tot, der Konjunkturzyklus am Ende, sagen Politiker und Professoren, Kolumnisten, Investmentstrategen und Manager. Kurz vor der Jahrtausendwende herrscht in den Vereinigten Staaten - angeblich - ein neues Paradigma: die Boom-Ökonomie, in der es nur noch aufwärtsgeht.

Selbst der Börsencrash vor zwei Wochen, bei dem an einem einzigen Tag 63 Milliarden Dollar allein an der Wall Street verloren wurden, verschlug den Gurus der New Economy nur kurz den Atem. Die Kurse erholten sich rasch, und auch die Nachrichten aus der realen Wirtschaft waren gut: Amerikas Ökonomie wuchs im dritten Quartal mit einer Jahresrate von 3,5 Prozent. Die Inflation lag gleichzeitig bei nur 1,4 Prozent - und war damit so niedrig wie seit 1964 nicht mehr. Auch die Arbeitslosenquote liegt bei nur 4,7 Prozent.

Diese beste aller Welten - hohes Wachstum, kaum Preisauftrieb und immer mehr Bürger in Lohn und Brot - ist für Amerika schon fast normal. Der Wirtschaftsaufschwung geht in sein siebtes Jahr, die Inflation ist gering.

Mit der herkömmlichen Theorie läßt sich dies nur schwer deuten. Eigentlich müßten hohes Wachstum und sinkende Arbeitslosigkeit die Preise nach oben treiben - und so den Beginn einer Rezession einläuten.

Davon aber ist weit und breit nichts zu sehen. Während das Wachstum am Anfang der neunziger Jahre kaum mehr als 2 Prozent betrug, verzeichnet die Wirtschaftsweltmacht seit nunmehr 18 Monaten eine Wachstumsrate von durchschnittlich 3,6 Prozent. Eine derart rasante Wohlstandsmehrung ist nach gängiger Auffassung für die Geldwertstabilität ebenso Gift wie die niedrige Arbeitslosigkeit, die eigentlich längst zu rapide steigenden Löhnen geführt haben müßte. "Es scheint, als dauerte der Aufschwung länger und habe mehr Menschen an die Arbeit gebracht, als nach den makroökonomischen Regeln der Nachkriegszeit zu erwarten gewesen wäre", meint Rüdiger Dornbusch, Professor am Massachusetts Institute of Technology und Verfasser eines Lehrbuchs für Volkswirtschaft.

Kein Wunder, daß nach neuen Erklärungsmustern gesucht wird. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen dabei zwei bisher als unumstößlich geltende Statuten der Ökonomie: einmal die Regel, daß die Wirtschaft ohne Gefahren für die Preisstabilität niemals schneller wachsen kann als das Beschäftigungs- und Produktivitätswachstum zusammengenommen. Im langfristigen Trend sind das in den Vereinigten Staaten aber nur 2 bis 2,5 Prozent. Ebenfalls umstritten ist die weitverbreitete Ansicht, es gebe eine "natürliche Arbeitslosenrate", unter der Löhne und Preise praktisch automatisch steigen müßten. Als "natürlich" galt in den USA bislang eine Quote von rund 6 Prozent.

Beide Zahlen - sowohl das Wachstumspotential wie auch die Untergrenze der Arbeitslosigkeit - müßten revidiert werden, findet der Bostoner Ökonom Barry Bluestone. Zusammen mit seiner Kollegin Bennett Harrision attestiert er in der Zeitschrift American Prospect der US-Wirtschaft langfristige Wachstumschancen von mindestens drei Prozent im Jahr. Schon die Beschäftigung werde weitaus stärker steigen als gemeinhin angenommen, weil ältere Arbeitnehmer länger im Beruf blieben und die Zahl der Arbeitsstunden auf fast 2000 pro Jahr angewachsen sei. Wichtiger noch: Amerika stehe vor einer Explosion seiner Leistungskraft. "Wir befinden uns", sagt Bluestone, "an der Schwelle zu einer Produktivitäts-Renaissance."