In der Münchner Königinstraße legen die Manager der Allianz gemeinhin großen Wert auf Diskretion. Der Vorstand des deutschen Branchenriesen schmiedet seine strategischen Pläne lieber im stillen und überläßt die lauten Töne der Konkurrenz, vorzugsweise dem Dauerrivalen Deutsche Bank. Am Dienstag legte Henning Schulte-Noelle, Chef des Versicherungsgiganten, jedoch alle Zurückhaltung ab und ließ in Paris eine Bombe platzen: Die Allianz will für mindestens neun Milliarden Mark die Mehrheit am zweitgrößten französischen Versicherer Assurances Générales de France (AGF) übernehmen. Mit diesem Deal würde die Allianz zum größten Versicherer der Welt, noch vor dem Lebensversicherungsgiganten Nippon Life aus Japan.

Doch bis es soweit ist, müssen die bayerischen Strategen noch die Übernahmeschlacht gewinnen. Gegen den Willen der AGF-Spitze hatte der italienische Versicherungsriese Assicurazioni Generali SpA bereits vor einem Monat eine etwas niedrigere Offerte unterbreitet. Die attackierten Franzosen riefen daraufhin einen "weißen Ritter" zu Hilfe: die Allianz.

Kommt Schulte-Noelle wirklich zum Zuge, so wäre dies der vorläufige Höhepunkt einer gewaltigen Fusionswelle, die schon seit geraumer Zeit die europäische Assekuranzszene durcheinanderwirbelt. Längst hat EU-Wettbewerbskommissar Karel van Miert einen "spürbaren Trend zu beschleunigten Zusammenschlüssen" registriert.

Diese rasante Entwicklung spielt sich gleich auf mehreren Ebenen ab. Erstens bilden sich auf einzelnen nationalen Märkten neue Marktführer. So übernahm die französische Axa vor gut einem Jahr ihren heimischen Konkurrenten UAP und stellte sich damit an die Spitze in Europa - jene Führungsposition, die jetzt wieder die Allianz im Visier hat. Zweitens gehen Konzerne, etwa der Schweizer Versicherungs- und Dienstleistungskonzern Zürich, mit vollen Kassen jenseits der Grenzen auf Einkaufstour. Und drittens erlebt das Allfinanz-Konzept, also die Zusammenarbeit von Versicherungen und Banken, eine neue Blüte.

Ursachen für den tiefgreifenden Wandel sind die Revolutionen in der Informationstechnologie und der nahende Euro. Im Hinblick auf die geplante Gemeinschaftswährung wurde der europäische Versicherungsmarkt bereits 1994 weitgehend dereguliert. Stand die Branche bis dahin unter dem Schutz staatlicher Aufsicht, so kann sie seither ihre Produkte frei gestalten - um den Preis eines wesentlich härteren Wettbewerbs. Mit dem Wegfall des Wechselkursschleiers werden in Europa Versicherungsleistungen demnächst leichter vergleichbar und damit auch exportfähig. Diese neuen Chancen können im Zweifel nur die Großen nutzen, während sich die Kleineren mit dem Risiko wachsender ausländischer Importe konfrontiert sehen. Der Verband der deutschen Versicherungsmakler prognostizierte schon vor einigen Jahren, daß zukünftig nur noch zehn Unternehmen den europäischen Versicherungsmarkt dominieren.

Vielleicht wird es sogar überhaupt keine reinrassigen Versicherungen mehr geben. Christoph Schultze von der Beratungsgesellschaft Andersen Consulting prognostiziert, daß sich die Assekuranz über kurz oder lang kaum noch vom Kreditgewerbe unterscheiden läßt. Seiner Meinung nach wachsen die Branchen Versicherungen und Banken zusammen und bieten zunehmend gemeinsame Produkte an. Daß der Allfinanz-Gedanke jetzt eine Renaissance erlebt, ist vor allem dem Megazusammenschluß zwischen der Schweizer Großbank Credit Suisse Group und der Winterthur-Versicherung zu verdanken.

Die Finanzwelt des Alten Kontinents befindet sich in einer dramatischen Umbruchphase. Daß nationale Grenzen kaum noch etwas gelten, befremdet vor allem die Franzosen. Bei seinem gemeinsamen Pariser Auftritt mit AGF-Boß Antoine Jeancourt-Galignani ließ Allianz-Chef Schulte-Noelle daher nichts unversucht, Balsam auf die verwundete Seele des Nachbarn zu reiben. "Wir würden zwei Unternehmen mit getrennten Identitäten zusammenschließen, die selbst in einer engen Partnerschaft getrennt bleiben würden", beruhigte der Allianz-Boß.