Prishtina Auf Aphrodite Surroi starren alle jungen Männer in dem kleinen albanischen Café. Nicht nur, weil sie zur Mittagszeit ganz unbekümmert nach einem Whisky fragt. Die naturblonde Mittdreißigerin ist eine ungeschminkte Schönheit.

Schlank, schwarze Jeans, weich und selbstbewußt zugleich. Und insgeheim ein wenig stolz auf die italienische Großmutter. Wenn Aphrodite über ihre großen Lieben spricht, glänzen die braunen Augen: Wedekinds "Frühlingserwachen", Döblins "Alexanderplatz", der ganze Brecht, "Homo Faber" von Frisch, die Filme von Fassbinder, Margarethe von Trottas "Bleierne Zeit".

Wie die Heldin aus jenem Film, Gudrun Ensslin, ist Aphrodite in den Untergrund gegangen. Doch die Germanistin, die in Prishtina Literaturgeschichte lehrt, arbeitet nicht gegen den Staat, sondern für ihre "Republik Kosova".

Diese Republik haben die 1,8 Millionen Albaner in der südserbischen Region im September 1991 per Referendum proklamiert. Slobodan Milosevic hatte zuvor die Autonomie der Provinz Kosovo abgeschafft und damit Serbiens nationalistischen Expansionskurs eingeleitet. Aus allen öffentlichen Stellen vertrieben, schufen die Albaner, die in dieser Provinz neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen gegenüber nur noch acht Prozent Serben, ihren eigenen Staat im Staate Jugoslawien.

Sie wählten den Schriftsteller Ibrahim Rugova zu ihrem Präsidenten. Sie erhoben eine dreiprozentige Steuer auf alle Bruttoeinkommen unter besonderer Berücksichtigung der albanischen Gastarbeiter in Westeuropa. Sie organisierten Schulen und Hochschulen in - mittlerweile - 550 Privathäusern.

Sie zogen Krankenhäuser und eine eigene Fußballiga hoch. Sie wurden Staats-Amateure im wahrsten Sinne des Wortes.

Die gewaltfreie Reaktion wurde von Belgrad als Separatismus verdammt, aber als Status quo der Kriegsvermeidung hingenommen. Sie bewahrte die Kosovo-Albaner vor einem wahrscheinlich noch größeren Blutvergießen als in Kroatien und Bosnien. Selbst als das benachbarte Mutterland Albanien zu Beginn dieses Jahres in die Anarchie stürzte, hielt die "Republik Kosova" die Balance.