Frankreichs Uhren gehen anders: Das ist nicht nur der Titel eines klugen Buches von Herbert Lüthy aus dem Jahr 1954, sondern wohl auch immer noch richtig. Elf Jahre nach dem deutschen "Historikerstreit" um den geschichtlichen Ort des Holocaust unternehmen jetzt französische Historiker etwas, das auf den ersten Blick dem Versuch des Berliner Historikers Ernst Nolte von 1986 ähnelt, den nationalsozialistischen Judenmord vom Sockel der negativen Singularität zu stoßen.

Nolte hatte in der Vernichtung der europäischen Juden die verzerrte Kopie des Stalinschen Gulag gesehen. Den kommunistischen Verbrechen kam nach dieser Deutung nicht nur ein zeitliches prius zu es gab vielmehr einen "kausalen Nexus" zwischen Klassen- und Rassenmord. Folgte man Nolte, dann war Hitlers "asiatische Tat" aus einem Gefühl existentieller Bedrohung erwachsen - ein Fall von Putativnotwehr also.

Die apologetische Absicht war offenkundig. Um Deutschland und zugleich das europäische Bürgertum moralisch zu entlasten, hatte Nolte eine geradezu aberwitzige "Ableitung" von Auschwitz vorgelegt und seinen Lesern die Schlußfolgerung aufzudrängen versucht, das "ursprünglichere" Menschheitsverbrechen sei das der Linken und nicht das der Rechten. Die Abwehr dieses Konstrukts war unumgänglich, und sie war erfolgreich. Im deutschen Historikerstreit obsiegten die Kritiker Noltes. Angeführt von Jürgen Habermas, verteidigten und festigten sie eine intellektuelle Errungenschaft, die der Herausforderer radikal in Frage stellte: die vorbehaltslose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens. Wider Willen war Nolte damit zu einem der Väter der posthumen Adenauerschen Linken geworden. Die Antworten an den Urheber des Historikerstreits gehörten fortan zum "verfassungspatriotischen" Konsens der alten Bundesrepublik.

Die Autoren des französischen "Schwarzbuches" berühren sich mit Nolte darin, daß sie die weltgeschichtliche Verbrechensbilanz des Kommunismus ernst nehmen - ernster, als das manche von Noltes deutschen Kritikern taten und tun.

Anders als Nolte, einer der wenigen deutschen Rechtsintellektuellen, kommen Stéphane Courtois und die anderen Autoren des Pariser Sammelbandes von links, ja meist ursprünglich von links außen. Es geht ihnen nicht um Apologie, sondern um Aufklärung. Daß ihr Vorstoß Zustimmung von rechts findet, nehmen sie mißbilligend in Kauf. Dem Herausgeber Courtois, der sich noch immer als Linker fühlt, kommt es, dem eigenen Zeugnis zufolge, darauf an, "das Privileg, die Wahrheit zu sagen, nicht einer sich immer stärker in den Vordergrund drängenden extremen Rechten zu überlassen: Im Namen demokratischer Werte und nicht nationalfaschistischer Ideen gilt es, die Verbrechen des Kommunismus zu analysieren und zu verdammen."

Es gibt drei gute Gründe, den Diskurs über linken und rechten Totalitarismus in Deutschland aufzugreifen und fortzuführen:

Der erste Grund ist der intellektuell unbefriedigende Ausgang des deutschen Historikerstreits. Es war einfach, Noltes zentrale Thesen zu widerlegen. Aber es war falsch, damit zugleich seine Fragen pauschal für erledigt oder gar für moralisch unzulässig zu erklären. Die Frage etwa, ob es ohne die russische Oktoberrevolution zum Triumph des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus gekommen wäre, war und ist legitim. Sie läßt sich auch weniger spekulativ formulieren: Welche Rolle spielte die Angst vor dem Bürgerkrieg und der Vernichtung der Bourgeoisie, eine von Lenin und seinen Anhängern bewußt erzeugte Angst, beim Aufstieg der extrem antikommunistischen Bewegungen Mussolinis und Hitlers? Daß es Nolte war, der diese Jahrhundertfrage stellte, reichte aus, sie in Deutschland nachhaltig zu diskreditieren. Die Folge des Frageverzichts ist, daß es heute einen Erkenntnisrückstand der deutschen Geschichtswissenschaft gegenüber der französischen gibt.