COURTOIS: Die Dokumente der Moskauer Archive belegen, daß alle kommunistischen Parteien, auch die PCF, zumindest bis zu Stalins Tod völlig unter Moskauer Kontrolle standen. Das ging so weit, daß sich die französischen Kommunisten nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 bis zu Hitlers Einfall in die Sowjetunion 1941 bei der Résistance zurückhielten, weil sie sich an den Hitler-Stalin-Pakt gebunden fühlten. Frankreichs kommunistische Untergrundführung hat in dieser Zeit sogar direkt verhandelt mit Otto Abetz, Hitlers direktem Repräsentanten in Paris.

ZEIT: Sehen Sie eine Mitverantwortung der PCF bei den Verbrechen des Kommunismus, die Sie in Ihrem Buch anprangern?

COURTOIS: Die PCF hat eine doppelte Verantwortung. Sie ist direkt verantwortlich für Taten, die in Frankreich begangen wurden. Zwei Beispiele: 1943 wurden in einem kommunistischen Versteck drei Trotzkisten ermordet.

Während des großen Streiks von 1947 ließ die PCF den Expreßzug von Paris nach Lille entgleisen, was sechzehn Menschen das Leben kostete. Frankreichs demokratisches System verhinderte, daß die PCF heute mehr Blut an den Händen hat. Eine weit größere Verantwortung hat die PCF auf sich geladen, indem sie die sowjetische Invasion in Afghanistan und zumindest die Anfangszeit von Pol Pots Schreckensherrschaft in Kambodscha unterstützte.

ZEIT: Dennoch erklärte Jospin vor der Nationalversammlung, er sei "stolz" auf die Regierungsbeteiligung der PCF. Muß der Premier die aufkommende Kommunismusdebatte als Bedrohung für seinen Koalitionspartner fürchten?

COURTOIS: Nicht, wenn PCF-Chef Robert Hue unser Buch nutzt, um Altstalinisten und Orthodoxe in der Partei zurückzudrängen, und sich deutlich von den kriminellen Formen des Kommunismus desolidarisiert. Mich macht jedoch bedenklich, daß es bei Frankreichs Kommunisten das verlogene Bemühen gibt, die enge Bindung an Moskau zu leugnen und die PCF als Partei darzustellen, die ihre Wurzeln ausschließlich im französischen und westeuropäischen Sozialismus des 19. Jahrhunderts hat.

ZEIT: Sie und Ihre Koautoren haben alle eine persönliche Beziehung zum Kommunismus - durch die Familiengeschichten, die Herkunft oder die frühere Zugehörigkeit zu kommunistischen Gruppen. Ist das Buch damit auch ein Stück persönlicher Vergangenheitsbewältigung?