Der große Deal sorgte schon seit Monaten für Gesprächsstoff in der Branche. Jetzt ist er - vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörden - perfekt. Siemens kauft die konventionelle Kraftwerkssparte des US-Konzerns Westinghouse für stolze 2,6 Milliarden Mark. Damit rückt der Münchner Konzern im Oligopol der großen Kraftwerksbauer dem Branchenprimus General Electric dicht auf die Pelle und läßt den bisherigen Zweiten, den schwedisch-schweizerischen ABB-Konzern, hinter sich. Auch ABB und der britisch-französische Verbund GEC Alsthom hatten sich für den dicken Brocken interessiert, doch offenbar waren die vollen Siemens-Kassen für die Westinghouse-Manager überzeugender.

Dem Chef des Siemens-Unternehmensbereichs Energietechnik (KWU), Alfons Hüttl, paßt der Coup gut ins Konzept: Ergänzen sich die KWU (Umsatz 1996/97: 9,5 Milliarden Mark) und Westinghouse (Umsatz mit konventioneller Kraftwerkstechnik: 3,7 Milliarden Mark) technologisch und regional doch prächtig. Während die Erlanger KWU vor allem in Europa gut im Geschäft ist, bringen die Leute aus Orlando starke Marktpositionen in Amerika, aber auch in Asien ein.

Daß Westinghouse sein Kraftwerksgeschäft abstoßen würde, war absehbar.

Schließlich hatte der Bau von Kraftwerken in dem überbesetzten Markt in jüngster Zeit wenig Freude (sprich Verluste) gemacht, und das Management des traditionsreichen amerikanischen Elektrounternehmens hatte schon vor längerem avisiert, daß es sich aus dem angestammten Industriegeschäft zurückziehen wolle. In Zukunft will man sich voll auf den Mediensektor rund um den Fernsehsender CBS konzentrieren. Schon hat Konzernchef Michael Jordan angekündigt, daß das Unternehmen ab Dezember CBS Corporation heißen werde.

Allein die Nuklearsparte bleibt vorerst bei Westinghouse/CBS. Jordan hätte sie gerne gleich mitverkauft, doch die US-Regierung blockierte vorläufig den Deal. Jetzt soll das Geschäft mit den Atomreaktoren im kommenden Jahr erneut auf den Tisch. Und Siemens wird wieder mitbieten.

Daß sich selbst ein Konzern wie Westinghouse aus dem Kraftwerkssektor zurückzieht, hat nicht zuletzt mit den veränderten Marktbedingungen zu tun.

Die Konzerne werden von den Auftraggebern, den staatlichen und privaten Energieversorgern, nämlich immer öfter dazu genötigt, neue Kraftwerke komplett vorzufinanzieren und auch selbst zu betreiben. Geld fließt erst dann zurück, wenn mit den Kraftwerken Strom produziert und zu vorab vereinbarten Preisen abgenommen wird. Diese in den USA erfundene und jetzt besonders in Ländern wie China, Indien oder Indonesien gepflegte Methode erfordert von den Kraftwerksbauern einen langen finanziellen Atem.