München

Früher wallfahrteten die Bonner Journalisten auf die CSU-Parteitage in München wie die katholischen Pilger zu Ostern nach Rom. Der Glaube an die Macht der Bayern trieb sie und der Hunger nach politischem Grusel.

Ihrem Ruf, Erlebnis-Politik zu sein, werden die CSU-Parteitage schon lange nicht mehr gerecht, aber die Erinnerung wird die Kollegen auch an diesem Wochenende wieder in die Münchner Bayernhalle treiben. Wenn schon nicht Politik, so läßt sich dort immer noch bayerische Lebensart genießen.

Bewegen wird sich nichts, vermutlich. Im Drehbuch des Parteitages ist das nicht vorgesehen, schon gar nicht für das Paar an der Spitze. Theo Waigel, der Parteichef, und Edmund Stoiber, der bayerische Ministerpräsident, sollen sich nicht in die Haare geraten, sondern Zweisamkeit demonstrieren, selbst wenn das bei ihnen so wirkt, als spielten sie die Hauptrollen in einem Ehedrama von Strindberg. Daß das für die absehbare Zukunft so bleibt, ist der Wunsch der Basis. "Alfons Goppel und Franz Josef Strauß haben das auch gekonnt", heißt es lapidar. Theo Waigel wird für zwei weitere Jahre zum Parteichef gewählt - "und zwar mit einem soliden Ergebnis um die neunzig Prozent", lautet die Marschorder, und damit basta.

Auch die Diskussion über den Leitantrag zur Europäischen Währungsunion soll sich in staatstragendem Rahmen bewegen. In Wahrheit stellen die Bayern den Euro nicht ernsthaft in Frage. Für eine Verschiebung plädiert inzwischen nur noch ein einziger Landtagsabgeordneter, und ob er meint, was er sagt, steht nach Meinung der Fachleute dahin.

Schließlich wird noch Helmut Kohl als Liebling der CSU auftreten, größte Übereinstimmung mit der politischen Philosophie der Schwesternpartei feststellen und seine Verbundenheit mit der bayerischen Seele bekunden. Ende der Vorstellung. Die Bayern sind doch keine Selbstmörder. Knapp zehn Monate vor zwei wichtigen Wahlen - der bayerischen Landtagswahl am 13. September und der Bundestagswahl vierzehn Tage später - setzen sie nichts aufs Spiel, sondern halten sich "ganz staat" (still). Das Wahljahr schweißt zusammen, das weiß doch jeder. Auf dem Spielplan steht Harmonie, dafür müssen "Wahrheit und Klarheit", zwei Begriffe, die im Tugendkatalog der CSU sonst obere Plätze einnehmen, erst einmal zurückstehen.

Es ist nicht die Landespolitik, die ihnen Probleme bereitet, da läuft alles in geordneten Bahnen. Nirgendwo läßt der unermüdliche "Edi" die Milli anbrennen, weder im Kampf gegen den Borkenkäfer noch bei den Schulsorgen der Eltern. Neulich beschloß der Landtag einmütig, die Zahl seiner Abgeordneten von 204 auf 180 zu verkleinern. Von den zwei in Deutschland geplanten Solarfabriken wird eine in Bayern stehen. Von dieser Sorte sind die Nachrichten, die einem allenthalben in Bayern entgegengehalten werden. Sie befördern die Zufriedenheit. Nur Bonn und der Bund stören das Glück.