ZEIT-Gespräch mit Maurice Druon: "Welche Schuld sollten die Franzosen empfinden?", ZEIT Nr. 45

Ich bezweifle, daß der versteinerte Gaullist Maurice Druon auch nur entfernt eine Mehrheit der heutigen Franzosen repräsentiert. Nicht einmal die fünfzehn Prozent Le-Pen-Wähler könnte Druon hinter seinem Primat der raison d'état wähnen, war es doch Le Pen selbst, der jüngst erneut den Mythos de Gaulles und der Résistance öffentlich in Frage stellte und damit eine Investigationskampagne lostrat, doch die schließlich in Séguins "Genug!

Genug! Genug!" mündete.

Dr. Joachim Sistig, Duisburg

Selbst wenn es uns Deutschen nicht ansteht, unserem westlichen Nachbarn Frankreich moralische Belehrungen hinsichtlich der geschichtlichen Vergangenheitsbewältigung zu geben, so muß doch der selbstherrlichen und keine kritische Selbstreflexion zulassenden Art des in seiner Funktion als "ewiger Sekretär" der Académie française fungierenden Maurice Druon, der für sich in Frankreich eine moralische Autorität beansprucht, entschieden widersprochen werden hinsichtlich des Versuchs, keine Schatten auf die eigene Geschichte während der Nazibesetzung seines Landes fallen zu lassen.

Ein friedliches Nebeneinander ist doch nur dann erreichbar, wenn auf beiden Seiten des Rheins eine die eigene Geschichte nicht schonende Untersuchung zugelassen wird. So zu tun, als seien die französischen Kollaborateure nur eine Quantité négligeable, leistet einer die Zukunft belastenden Geschichtsklitterung Vorschub, aus der die Gefahr neuen Unrechts erwächst. Es darf doch auch der französischen Bevölkerung nicht verschwiegen werden, daß viele französische Intellektuelle - Absolventen von Eliteschulen wie der Ecole Libre des Sciences Politiques, der Pariser Sorbonne oder der Ecole Normale Politechnique - sich als überzeugte Antisemiten und als willfähige Handlanger den deutschen Usurpatoren zur Verfügung gestellt haben. Es geht nicht um Aufrechnung oder eigene Schuldverwischung nur die ungeschminkte Ehrlichkeit ist die Voraussetzung für ein partnerschaftliches Miteinander im nächsten Jahrtausend.

Paul Haverkamp, Lingen