Washington

Verteidigungsminister William Cohen brachte Anschauungsmaterial mit ins Fernsehstudio. Er hielt eine große Zuckertüte hoch: "Wenn dies Anthrax wäre, dann könnte es die Hälfte der Bevölkerung Washingtons umbringen." Er deutete auf eine mit Wasser gefüllte Ampulle: "Ein Tropfen hiervon", sagte er, "würde Sie in wenigen Minuten töten - wenn es das Nervengas VX wäre." Auf einem anderen Sender verbreitete Samuel Berger, Bill Clintons Sicherheitsberater, ebenfalls Schreckensmeldungen: Die UN-Inspektoren wüßten nicht, wo 10 000 Liter Anthrax abgeblieben seien. Vermutlich sei der Milzbranderreger irgendwo im Irak versteckt worden. Schließlich warnte der Präsident selber vor den Gefahren für die "Kinder auf dieser Welt".

Es war eine konzertierte Aktion, abgesprochen am Wochenende, mit doppelter Absicht. Zum einen sollte das eigene Volk, das die Krise als Déjà-vu abtat, auf den Ernst der Lage eingestimmt werden. Zum anderen wollte man dem Irak die Bereitschaft zu entschlossenen Militäraktionen demonstrieren. Doch während die Minister des Präsidenten daheim den großen Knüppel schwangen, ließ jemand im Gefolge seiner Außenministerin durchblicken, daß den Vereinigten Staaten eine diplomatische Lösung lieber ist. Von der Reisegesellschaft Madeleine Albrights, die wie ein Wirbelwind durch die arabische Welt fegte, verlautete, die Amerikaner seien bereit, über eine Erweiterung des Programms "Öl gegen Nahrung" zu sprechen.

Es geht um die UN-Resolution 986: Der Irak darf zweimal im Jahr Öl im Wert von zwei Milliarden Dollar exportieren vom Erlös entschädigen die Vereinten Nationen die Opfer des Golfkrieges und bringen Arzneien und Lebensmittel ins Land. Das Programm zu erweitern hieße, auch andere Lieferungen zuzulassen, vielleicht Ersatzteile oder Krankenwagen, auf jeden Fall aber nur Produkte, die sich nicht für militärische Zwecke eignen.

War die Indiskretion beabsichtigt oder ungewollt? Der Präsident - er befand sich auf einer Reise durch den amerikanischen Westen - soll ungehalten reagiert haben. Zurück in Washington, rief er seine Sicherheitsberater zusammen. Berger trat hernach erneut vor die Presse. Er wies jedes Tauschgeschäft weit von sich: Die Bewilligung von mehr Ölexporten gegen die Rückkehr der Inspektoren, das käme nicht in Frage. Aber Berger tat so, als müsse eigentlich jeder wissen, daß der Präsident schon seit langem bereit sei, dem Irak zusätzliche Ölausfuhren einzuräumen. Und auf jeden Fall: "Wir bevorzugen eine friedliche Lösung, ganz klar."

Das klang ganz anders als noch zu Wochenbeginn. Und wenn sich auch der irakische Außenminister Mohammed Saidal-Sahaf erregte, sein Land sei kein Flüchtlingslager, dem "ein Mister Sandy Berger" jetzt ein bißchen mehr zu essen anbieten könne, so gab doch auch er Hinweise auf Verhandlungsbereitschaft. Dem Minister, der nur der Befehlsempfänger Saddams und seines zum stellvertretenden Premier avancierten Vorgängers Tarik Aziz ist, kam es plötzlich auf Feinheiten an. Das Inspektorenteam der Vereinten Nationen müßte lediglich "umstrukturiert" werden. Er habe keine Vorbehalte gegen die Mitwirkung amerikanischer Experten. Wenn ihr Anteil besser "ausbalanciert" sei, könnten sie durchaus zurückkehren. Aber auf jeden Fall: "Unser Ziel ist die Aufhebung der Sanktionen." So weit waren also die Positionen nicht mehr voneinander entfernt. Denn was anderes als eine Lockerung des Embargos wäre eine schrittweise Erhöhung der irakischen Ölexporte?

Allerdings addieren sich diese kleinen Schritte zu einem großen für die Amerikaner. Sie lassen sich wieder, ohne das Wort hervorzukehren, auf multilaterale Politik ein. Zum Multilateralismus und zur Kooperation in der Uno hatte sich Clinton zu Beginn seiner ersten Amtszeit bekannt. Dann war er wieder zurückgeschreckt. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit war angesichts eines zum Unilateralismus neigenden Kongresses nicht mehr viel davon zu hören. Nun aber wird Rußland als Vermittler in den Entscheidungsprozeß einbezogen, die Außenminister aller ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats verhandeln, die Araber üben Druck auf Saddam aus.