Jesse schläft. Und er träumt von kommenden Zeiten, den Nachfahren, von König David, vom Gottessohn, von dem neuen Paradies, wo das Lamm ruhen wird neben dem Wolf. Jesse, der erste Utopist - Henrick Douvermann hat ihn so in Eichenholz geschnitzt, 1520, als Träumenden, halb verborgen hinter einem kunstvollen Geflecht aus Ranken, Wurzel Jesse, zu Füßen des Altars "onser liever Vrouwen van den seven Bedruffnissen", Douvermanns Meisterwerk, in der Pfarrkirche Sankt Nikolai zu Kalkar am Niederrhein.

Pfarrkirche Sankt Nikolai, das sagt sich so und ist doch eines der großen Schatzhäuser der Republik, müßte mit ihren acht Schnitzaltären (von einst fünfzehn!) eigentlich längst auf der Weltkunst-Liste der Unesco stehen. Aber der Niederrheiner, der sagt so etwas nicht, der prahlt nicht gern in Gold.

Wird lieber melancholisch, besonders dann, wenn das Land sich mal wieder besonders weit dehnt und der Himmel und die schweren Wolken mal wieder besonders tief hängen. Und, versteht sich, träumt gern ein bißchen, wie Vorvater Jesse. Weiß zu allem eine Geschichte, beziehungsweise, daß alles eine Geschichte hat, endlos verzweigt und mehrfach verrankt, angefangen bei den Römern, mindestens, zu deren Weltreich das Land am Niederrhein einst gehörte.

Und so gedenkt man eben gern auch jener großen Zeit im Jahrhundert der Reformation, als Henrick Douvermann hier schnitzte, als die Künste blühten unter der weisen Regentschaft des Herzogs von Kleve, während andernorts die Kirchen gestürmt und Bilder und Altäre kurz und klein geschlagen wurden. Eine Kultur-Konjunktur ganz gegen den Strom - so hieß eine Ausstellung Anfang des Jahres im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, welche die niederrheinische Plastik jener Epoche ins Licht hob, die grandiose Kunst der Meister Dries Holthuis und Henrick Douvermann, Henrick van Holt und Arnt van Tricht. In Kalkar, im Xantener Dom, in den Museen von Kleve und Goch, aber auch in leckeren Dorfkirchen kann man ihre Werke bestaunen.

Jedenfalls, was davon blieb, unter der Ignoranz späterer Jahrhunderte, vor allem aber nach den unermeßlichen Verwüstungen in den allerletzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, als Hitlers Generäle hier den totalen Krieg inszenierten.

Fast alle größeren Ortschaften am nördlichen Niederrhein von Duisburg bis Kleve, von Wesel bis Geldern wurden damals schwer bis völlig zerstört. Zwar hat man rasch wieder aufgebaut (mal mehr, mal weniger gelungen), doch blieb es still im Reich der Weiden, ein wenig schläfrig, auch wenn sich, von Düsseldorf und Krefeld aus, hin und wieder neue Kunst ins Land stahl ... bis, ja, bis mit dem Beginn der neunziger Jahre, unübersehbar, ein wahrer Kulturrausch den Niederrhein erfaßte. Wieder einmal gegen den Strom: Denn während in den Metropolen sich die ausgehungerten Museen um letzte Subventionen und Sponsoren balgen, während man dort gar von Zusammenlegungen, ja Schließungen raunt, eröffnet hier munter eine neues Kunst- und Geschichtsmuseum nach dem anderen, fast schon im Zwei-Monats-Takt. Was geht da vor?