DIE ZEIT: Was fanden Sie intellektuell am spannendsten, als Sie nach Oxford kamen?

ISAIAH BERLIN: Ich kam 1928 nach Oxford, ans Corpus Christi College. Ich sollte die hegelianischen Philosophen studieren. Ich verstand kein Wort. Dann las ich G. E. Moores "Principia Ethica" - und war erleuchtet. Heute lehne ich sie ab, doch sie waren wunderbar luzid. Ich wurde Realist. Ich begann, die Oxforder Philosophen zu studieren sie erschienen mir streng und klar. 1931 machte ich die Greats, also klassische Philologie, und 1932 die Modern Greats, was Philosophie und Volkswirtschaft umfaßte Politik war am Corpus verboten. "Lesen Sie die Leitartikel der Times", sagte man mir. Ich schaffte in Philosophie eine Eins in Greats wurde es eine eher schlechte Eins.

Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich dachte: Arzt kann ich nicht werden, ich kann keine Naturwissenschaften, und Beamter konnte ich auch nicht werden, weil ich nicht in England geboren war. Journalist? Jura? Dann begegnete ich Richard Crossman. Er hielt mich für einen kompetenten Schreiberling, der Studenten unterrichten konnte und keinen Ärger machte. Also besorgte er mir eine Dozentur, indem er Fellows des New College belog. Er sagte, mir sei eine Stelle in Exeter und am Brasenose College angeboten worden. Was nicht stimmte. Im September 1932 wurde ich am New College Dozent für Philosophie.

Freddie Ayer, der Philosoph, war gleichzeitig dort. Sein erstes Buch, "Language, Truth and Logic", hatte eine enorme Wirkung, ein ungemein befreiendes Buch. Wir wurden Freunde.

Dann bot man mir an, ein Buch über Karl Marx zu schreiben. Ich hatte keine Zeile Marx gelesen. Anfangs war es entsetzlich langweilig. Ich fand heraus, daß ungefähr drei von Marx' Ideen von ihm selbst stammten - alles übrige hatte er von anderen. Die erste war der Einfluß der Technologie auf die Kultur, daß technischer Wandel die Kultur tiefgreifend beeinflußt. Das hatte zwar schon Saint-Simon gesagt, aber nicht deutlich genug. Die zweite Idee war, daß es das Phänomen des Big Business gab, die gewaltige zentralisierte Kontrolle von Produktion, Herstellung und Austausch, die zu Marx' Zeit noch gar nicht existierte.

ZEIT: Also projizierte Marx die Art, wie sich das Big Business entwickeln sollte, in die Zukunft und sagte, der Kapitalismus würde sich internationalisieren.

BERLIN: Ja, das geht auf Marx zurück. Marx' dritte Idee ist der Klassenkampf.