Auf Schloß Solitude bei Stuttgart gibt es eine Akademie. Dort können Künstler und Wissenschaftler, die meistens in der Einsamkeit (französisch: solitude) arbeiten müssen, für einige Zeit den Elfenbeinturm verlassen, sich mit Gleichgesinnten oder Menschen aus ganz anderen Sphären, wenn sie wollen, zusammentun und Neues ausdenken oder schaffen. Musiker geben Konzerte, Architekten entwerfen und planen, Zeichner malen, Bildhauer greifen zu Hammer und Meißel. Wer in der Nähe lebt, bekommt das eine oder andere zu hören, zu sehen. Besser dran sind Schriftsteller, deren Texte gedruckt und vervielfältigt werden können. Sind sie besser dran? Welcher Buchhändler, von den Bestseller-Verlagen überrannt, stellt schon die schön gemachten 80-Seiten-Bändchen der "Edition Solitude - Die Reihe für neue Literatur" ins Fenster, von der Werner Irro jährlich vier neue Titel herausbringt. Nun sind die Bücher des Jahres 1997 da - und sollen gleich der Einsamkeit entrissen sein: autobiographische Texte des 1961 geborenen Alexej Schipenko "77" Prosa des Österreichers Oswald Egger (1963) "Juli, September, August" drei Erzählungen des sich Duo Duo nennenden, 1951 in Peking geborenen Li Shizeng, "Heimkehr", und Prosagedichte des 1955 in Lüttich geborenen Eugène Savitzkaya, die den Aufenthalt im Schloß zum Thema machen: "Die Regeln der Einsamkeit" (aus dem Französischen von Gisela Febel ). Gleich die zweite "Regel" beginnt so: "Ich bewahre auf ewig, als wohlgehütetes, wertvolles Gut, mein Totenantlitz in mir ..." (Solitude, 70197 Stuttgart).