Die rote Fahne neben der Parteizentrale hing auf halbmast. Doch nicht das "Schwarzbuch" und auch nicht die dadurch entfachte Debatte über die "Verbrechen des Kommunismus" ließen die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) öffentlich trauern. Die Funktionäre beweinten den Tod ihres früheren Parteichefs Georges Marchais, des großen französischen Stalinisten, der am vergangenen Sonntag im Alter von 77 Jahren starb.

Zweiundzwanzig Jahre lang, von 1972 bis 1994, war Marchais Generalsekretär der kommunistischen Partei. Als 27jähriger war der Metallarbeiter Marchais 1947 zur kommunistischen Partei gestoßen und als Günstling des damaligen PCF-Chefs Maurice Thorez schnell aufgestiegen. 1956 verteidigte Marchais die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn, 1979 den Einmarsch in Afghanistan.

Auch nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches hielt er die Bilanz des Kommunismus für "im großen und ganzen positiv".

Unter seiner Führung büßten die französischen Kommunisten einen Großteil ihrer politischen Macht ein. Der Anteil der Wählerstimmen sank in seiner Amtszeit von 25 auf 7 Prozent. In den siebziger Jahren handelte die kommunistische Partei ein gemeinsames Programm mit den Sozialisten aus und beteiligte sich von 1981 bis 1983 an der Regierung. Den gebildeten Bürgerssohn François Mitterrand allerdings konnte der polternde Marchais nicht ausstehen, schon deshalb, weil Mitterrand immer so unpünktlich war.

Am Ende haben ihn die Genossen dem Gelächter preisgegeben. Eine Woche vor Marchais' Tod druckte die kommunistische Parteizeitung Humanité eine Art Interview mit ihm und bemerkte im Vorspann, daß auch die Fragen von Marchais stammten. Und während der gaullistische Staatspräsident nach Marchais' Tod ein paar anerkennende Worte sprach, schrieb die linke Tageszeitung Liberation: Ein ganzes Leben im Dienst des Irrtums.