Während andere über das Ende der Wissenschaft philosophieren, bricht eine eher unscheinbare Disziplin zu neuen Ufern auf: die Urbanistik, die Wissenschaft von allem, was in der Stadt los ist. In einer Pressemitteilung über ein soeben abgeschlossenes Forschungsprojekt verblüfft die Deutsche Gesellschaft für Urbanistik mit der Erkenntnis, daß städtische Prozesse nicht nur Raum benötigten - sondern auch Zeit. Wer hätte das gedacht?

Der Laie bleibt nicht von unpopulären Wahrheiten verschont: ",Zeit' ist eines der prägenden Paradigmen der Gegenwart." So kühn kann nur formulieren, wer sich nicht einengen läßt von der traditionellen Sicht auf die Begriffe Zeit, Paradigma und Gegenwart. Erfrischend auch die "Kernthese" der urbanen Forscher, daß die Veränderungen in der Arbeitszeit Folgen für das Privatleben und die Stadt hätten. Mit dem raffinierten Trick, alles unter dem Aspekt der Zeit zu betrachten, reißen die Forscher alte Erkenntnisbarrieren nieder und können Alltagsphänomene unserer Gesellschaft als Zeitkonflikte wahrnehmen: den Arbeitszeitkonflikt, den Konflikt über die Öffnungszeiten von Läden und Kindergärten. Wie selbstverständlich öffnet sich der Blick für Visionen die Forscher liefern sie zum Glück gleich mit: Analog zum Politikfeld "Umwelt", so ihr Plädoyer, sei das politische Handlungsfeld "Zeitpolitik" zu etablieren. Es solle "quer zu den herkömmlichen Ressortgrenzen und Akteurskonstellationen" liegen und böte damit nicht weniger als die Möglichkeit eines Neuentwurfs von Politik.

Die Wissenschaftler sehen sich in der Pflicht, dieses Zukunftsthema mit der Entwicklung eines neuen Forschungsfeldes zu unterfüttern: der Chrono-Urbanistik. Erfreulich, daß dieser junge Wissenschaftszweig mit ganz unkindlicher Weitsicht das Licht der Welt erblickt so wird die "Raumforschung" (sic!) nicht etwa als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Zeitforschung gesehen. Die zwei Blickrichtungen, mit denen die Stadtzeitforschung aufwartet, machen jetzt schon neugierig: "die Raumwirksamkeit von Zeitstrukturveränderungen und die Zeitwirksamkeit von Raumstrukturen".

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich weitere Forschungsansätze auszumalen: die Wirksamkeit von Strukturveränderungen etwa oder die Veränderbarkeit von Zeiträumen.

Für die Zeit ist es nie zu spät. Dieses Motto sei den Wissenschaftspionieren zur Ermutigung auf den Weg gegeben.