Wenn bei Capri die Sonne blutrot im Meer versinkt, handelt es sich hintergründig um ein Naturereignis. Wenn aber davor beispielsweise Franz Lambert im Gegenlicht seine Hammondorgel bearbeitet und anschließend ein Candlelight-Dinner aufgetragen wird, ist der Event fertig. Jetzt muß das Ganze nur noch zu einer exklusiven Pauschalreise verpackt werden, und schon rollt in Hotels und Restaurants die Lira.

Ein Event ist die moderne Kunst, Menschen, die schon (fast) alles gesehen haben, nach dem Erst- und Zweiturlaub noch einmal aus der Wohnzimmergarnitur zu locken.

Entscheidend für Eventschöpfer ist, die Kundschaft von der Einmaligkeit ihrer Veranstaltungen zu überzeugen. Das fällt beim größten und höchsten Käsefondue der Welt auf einem Schweizer Gipfel nicht schwer. Auch ein Wettsingen der Drei Tenöre mit den Fischer-Chören, am besten auf der Loreley, ließe sich weltweit zu Spitzenpreisen verkaufen.

Daß sich im amerikanischen Aspen Anfang Dezember ein paar ausdauernde Skifahrer rund um die Uhr den Berg hinabstürzen wollen, sorgt auch diesseits des Atlantiks seit Wochen für knisternde Vorfreude. Das 24-Stunden-Rennen, so lassen die Veranstalter wissen, sei nämlich schon bei seiner zehnten Auflage "legendär" und hebe sich darüber hinaus durch "seine enorme Dauer" von allen anderen Wintersportveranstaltungen ab.

Leider ereignet sich auf der Welt viel weniger Spektakuläres, als Dutzende Vorankündigungen pro Woche glauben machen wollen. Wann immer heute in Chicago eine Schaufel oder in Shanghai ein Fahrrad umkippt, wird der Vorgang sogleich zum Event aufgeschäumt. Man nehme zum Beispiel eine Handvoll Hobbyluftfahrer, um deren gemeinsamen Sonntagsausflug bundesweit zum "Ballonfestival" auszurufen.

Während diese Himmelfahrt als ein bewährtes Eventrezept für die Berge gelten darf, kann man an der Küste fest damit rechnen, daß jedes Ein- oder Auslaufen einer Dreimastbark zur "Großseglerparade" aufgemotzt wird. Sogar wenn der Zuschauer die Hochstapelei durchschaut: Heiße Würstchen kauft er trotzdem, und Kurtaxe zahlt er auch. Insofern gilt die Eventologie heute mit Recht als lukrativster Zweig touristischer Standortpolitik.

Talentierte Eventschöpfer verfügen über unbegrenzte Flexibilität und endlosen Ideenreichtum. Wenn die Leute nicht zum Event kommen wollen, dann kommt der Event eben zu ihnen. Im New Yorker Madison Square Garden spielen sie jeden Winter zwischen Plastikpalmen Strandvolleyball. Kürzlich boten eingeflogene Windsurfer in einer Berliner Halle eine Karikatur ihrer Sportart dar. Vom Rand des Planschbeckens stürmte aus einer Batterie übermannsgroßer Windmaschinen heiße Luft. Damit ist über das Wesen dieses und jedes anderen Events eigentlich alles gesagt.