Das drei Monate alte Mädchen war wegen Atemstillstands in das Krankenhaus eingeliefert worden. Nun schlief es, neben seinem Bettchen saß seine neunzehn Jahre alte Mutter, sonst war niemand im Zimmer. Nach zwei Stunden schlug die Mutter ihre Tochter zum ersten Mal auf den Kopf, dann immer wieder. Offenbar ärgerte sie sich, daß sie wegen ihres Kindes im Krankenhaus sein mußte.

"Gib mir einen Kuß, du kleine Sau!", sagte die Mutter dann unvermittelt. Kurz darauf drückte sie ihre Hand fest in das kleine Gesicht, schüttelte ihr Baby wie eine Puppe, schließlich verdrehte sie das linke Ärmchen, bis ihr Kind vor Schmerzen brüllte. Die Mutter drückte schnell den Alarmknopf, und eine Krankenschwester eilte herbei. Ihre Tochter habe sich in einem der Spielzeuge verheddert, behauptete die Mutter. Ein Arzt kam hinzu, doch er und die Schwester ließen Mutter und Kind nochmals eine halbe Minute lang ohne Aufsicht: Wieder drehte die Mutter das linke Ärmchen nach hinten diesmal brachen zwei Knochen.

Das Mädchen wurde zur Adoption freigegeben und lebt heute in einer neuen Familie. Denn obwohl es keine direkten Zeugen gab, konnte sich die schon seit langem verdächtigte Mutter diesmal nicht herausreden. Sie war in die Falle getappt - englische Ärzte haben die Mißhandlung im Krankenhaus heimlich gefilmt. "Versteckte Videoaufnahmen von lebensbedrohlicher Kindesmißhandlung: Lehrstunden für den Schutz von Kindern" lautet der Titel einer bestürzenden Untersuchung, die jetzt in der aktuellen Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift Pediatrics (Bd. 100, S. 735) erschienen ist.

Ein Team um David P. Southall an der University of Keele hat zwischen Juni 1986 und Dezember 1994 insgesamt 39 Kleinkinder und deren Eltern oder Stiefeltern heimlich gefilmt. Die Kinder waren im Durchschnitt neun Monate alt. Ihre Eltern waren der Mißhandlung verdächtig, sie wurden unter einem Vorwand ins Krankenhaus bestellt. In einem präparierten Zimmer wurde jeweils ein Elternteil mit seinem Kind scheinbar allein gelassen.

Das Ergebnis dieser Observation, die in Deutschland juristisch verboten wäre, erschüttert: In 33 Fällen kam es vor laufender Kamera zur Gewalt. Was Ärzte, Sozialarbeiter oder Kindergärtnerinnen oftmals mit Wut und Entsetzen ahnen, aber nur äußerst selten beweisen können, wird in den Filmdokumenten zur Gewißheit. Dreißig der Kinder wurden von Mutter oder Vater der Hals zugedrückt oder Mund und Nase zugehalten, bis sie nach Luft rangen. "Ich werde dich auf das Kantinendach prallen lassen", drohte beispielsweise ein Vater seinem sechs Wochen alten Sohn. Dann preßte er dem Säugling 25 Sekunden lang seine Hand auf Nase und Mund. Ein anderer Videofilm zeigt, wie eine Mutter ihrer drei Jahre alten Tochter Desinfektionsmittel und eine Zahnbürste in den Mund steckte, bevor die alarmierten Schwestern und Ärzte ins Zimmer stürmten.

Die beklemmenden Videobilder aus England liefern genau das , was auch hierzulande zur Überführung gewalttätiger und schändender Eltern so dringend benötigt wird: Beweise. Hiesige Kinderärzte tun sich noch immer schwer, die Spuren der Gewalt rechtzeitig zu erkennen, lautet ein alter Vorwurf des Kinderschutzbundes. Doch andererseits lügen die Eltern, daß sich die Balken biegen, wie die englische Studie bestätigt. Der Bluterguß nach dem Faustschlag wird mit einem Sturz vom Wickeltisch erklärt.

Deshalb gibt es auch in Deutschland nur Mutmaßungen über das Ausmaß der Gewalt. Gerade einmal 2000 Fälle von Mißhandlungen tauchten in der deutschen Kriminalstatistik von 1994 auf. Schätzungen zufolge werden jedoch zehn Prozent der Kinder geschlagen oder geschändet, und der Mißbrauch zieht sich durch alle Altersgruppen und alle Schichten. Während in der Unterschicht eher geprügelt wird, quälen Akademikerpaare ihre Kinder auf subtile Art, beispielsweise durch seelische Verwahrlosung.