Ein schriller Pfiff aus Zürich gellt dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) in den Ohren: Die Fifa, der Weltfußballverband, untersagte ihm jetzt zum wiederholten Mal, von der eisernen Regel abzurücken, wonach der Schiedsrichter auf dem Rasen selbst schwere Fehlentscheidungen treffen darf, ohne daß diese angefochten werden können. Stichwort Tatsachenentscheidung.

Der Fall: Beim Spiel 1860 München gegen den Karlsruher SC am 5. August hatte der Schiedsrichter - es stand 2:1 - in den Schlußminuten unmittelbar vor einem Torschuß des Karlsruher Stürmers Sean Dundee unüberhörbar gepfiffen.

Eine halbe Sekunde danach schlug der Ball im Münchener Tor ein. Der Schiedsrichter erkannte den Treffer an, obwohl er das Spiel vorher unterbrochen hatte. Der Fehler war offensichtlich, die Proteste der Münchener waren es auch. Das half aber nichts. Tor. 2:2. Tatsachenentscheidung.

Nach Ende des Spiels beteuerte der Schiedsrichter zunächst, er habe erst nach dem "Tor" gepfiffen. Später, vor dem Sportgericht, gab er eine bewußte Fehlentscheidung zu. Der DFB annullierte das Spiel sportgerichtlich in zwei Instanzen, sagte eine Spielwiederholung an. Doch die Fifa hat das nun alles kassiert. Auf ihre Weisung hin hat das unentschiedene Spiel Bestand, und dem DFB, der sich schon in früheren, teils noch spektakuläreren Fällen den Groll der Fifa zugezogen hatte, droht jetzt eine disziplinarische Strafe.

Der Konflikt legt ein Problem offen. Im bewegten Sport müssen Entscheidungen der Schiedsrichter rasch und endgültig fallen. Daher die Konstruktion der "Tatsachenentscheidung". Wenn er ein Foul pfeift und Freistoß gibt, vereinigt der Fußballschiedsrichter in seiner Funktion Beweisaufnahme, Feststellung des Sachverhaltes und Entscheidung der Rechtsfolge - auch wenn das "Foul" keines war. Durch den Pfiff des Schiedsrichters wird selbst ein normaler, regelgerechter Sachverhalt zum Regelverstoß. Die Vorgänge werden so, wie sie sich im Kopf des Schiedsrichters spiegeln, Fakten.

"Tatsache" bedeutet, daß der Filter des Schiedsrichters aus einem Geschehnis eine Art fiktiven Vorgang macht - egal ob real oder irreal -, der als "Tatsache" dann maßgebend ist für die Rechtsfolge, etwa Freistoß oder Elfmeter. Wer auf "Tatsachenentscheidung" pocht, muß wissen, daß es sich um eine Fiktion, etwas nicht unbedingt Reales, handelt. Alle Einwände und Einreden, alle Gegenargumente werden abgeschnitten, wenn jedes Geschehen, das richtig wie das falsch gesehene, zu einer Tatsache erklärt wird. Das ist der Trick. Der Schiedsrichter im Fußball ist Polizist, Ankläger, Richter und Vollstrecker zugleich.

Nun gibt es da gelegentlich grobes Unrecht. Tore, die keine sind. Rote Karten ohne Grund. Wo finanziell so viel auf dem Spiel steht, sind eklatante Fehlentscheidungen und ihre Folgen schwer zu ertragen, um so weniger, als das Fernsehen mit Zeitlupe jedes offensichtliche Unrecht noch viel offensichtlicher macht, also auch das Unbehagen an Ungerechtigkeiten vergrößert. Die schematische Tatsachenentscheidung, so praktisch und sportgerecht sie sein mag, wird dann, bei grobem Unrecht,als höchst unzureichend empfunden.