Als vor zehn Jahren ein Schädling die Sojapflanzen in den USA befiel, wandten sich die amerikanischen Forscher hilfesuchend nach St. Petersburg.

Hier, im Wawilow-Institut, befindet sich die älteste Genbank der Welt. "Die Amerikaner selbst fanden keine resistente Sorte", sagt Institutsdirektor Wiktor Dragawzew. "Wir aber hatten so eine Pflanze und gaben sie kostenlos den Kollegen. Heute ist Amerikas Sojaanbau durch unsere Gene geschützt."

In Petersburg werden Pflanzensorten aus der ganzen Welt aufbewahrt, darunter viele, die andernorts bereits ausgestorben sind. Das hellgelbe Zwillingsgebäude des Wawilow-Instituts, zwischen Isaak-Kathedrale und Reiterstatue Nikolaus' I., beherbergt über 300 000 Arten im Wert von mehreren Millionen Mark. Um den Institutsdirektor zu besuchen, muß man den Hintereingang nehmen. Das Hauptportal, ein klassizistischer Kolonnadenaufgang mit Marmortreppe und Weinlaubornamenten, wurde an einen französischen Weinhändler vermietet. Der Weg in die Führungsetage des Instituts führt über schiefe Holztreppen feuchte Wände, bröckelnder Putz und ein ausgedienter Frachtlift wecken Zweifel, ob es sich um dasselbe Gebäude handelt.

"Wir halten eine Sammlung weltweiter Pflanzengene in unserer Hand und können damit jederzeit neue Sorten züchten", erklärt Institutsdirektor Dragawzew stolz. "So lassen sich beachtliche Gewinne machen", hofft der Genetiker. Doch die liegen in ferner Zukunft. Heute herrscht in den dunklen, endlosen Gängen des Instituts tiefes Schweigen. Der Personalstand schrumpfte in den vergangenen sechs Jahren um die Hälfte. Es grenzt fast an ein Wunder, daß die Löhne der über tausend Mitarbeiter in St. Petersburg und den dreizehn Außenstellen immer noch rechtzeitig gezahlt werden.

In Puschkin bei St. Petersburg bearbeitet ein Traktor die Felder des Wawilow-Instituts. "Wir sind ,Mädchen für alles'", klagt die Leiterin der Abteilung für Pflanzenimmunität, Anna Chachlowa. Sie greift selbst zu Hacke und Schaufel, setzt die Stecklinge für die nächste Generation ihrer Untersuchungsobjekte. Anna Chachlowa ist Spezialistin für Kornbrand, einen Erreger bei Getreidepflanzen. Auf viele Versuche muß sie allerdings verzichten. "Früher wurden die Gewächshäuser im Winter geheizt. Heute ist das zu teuer."

Das Hauptlager der Genbank dagegen, noch während des Kalten Krieges aus Angst vor einem Atomwaffenangriff der USA fernab vom Zentrum, im Süden des Landes, erbaut, wird heute zum Teil von den Amerikanern finanziert. Sie kommen für die neuen Kühlkammern auf - sicher nicht ganz uneigennützig. Denn die Pflanzensorten des Wawilow-Insitutes sind mitunter - siehe Soja - geradezu Gold wert. Und noch unterstützt Rußland den freien Austausch von Pflanzensaatgut. Dragawzew aber liebäugelt mit dem Beitritt in die Internationale Vereinigung zum Schutz des Sortenrechts. Dann könnten sich russische Wissenschaftler ihre Züchtungen patentieren lassen und den Profit sichern.

Flink, nicht nur im Umdenken, sondern auch beim Akquirieren von Geld, sucht Dragawzew mit ungebrochenem Optimismus nach neuen Wegen. Er will das geistige Gut vermarkten - was ältere Mitarbeiter oft als Dolchstoß für die Wissenschaft empfinden. Ginge es nach Dragawzew, könnte die Petersburger Genbank schon bald den Anschluß an die westliche Forschung schaffen. Aus der Computerschmiede des Instituts stammt ein Programm, das künftig Züchtern ein konkretes "Genmodell" vorgibt. "Heute ist es wichtig, Pflanzenarten zu entwickeln, die sich besser den Umweltbedingungen anpassen", sagt Gejnrich Rasorjanow, Leiter der Computerabteilung.