Unternehmen erreichen manchmal biblische Altersgrenzen. Die schwedische Papierfirma Stora etwa zählt 700 Lenze, das Handelshaus Mitsui in Japan 400.

Auch der Siemens-Konzern, der am ersten Oktober 1997 seinen 150. Geburtstag feierte, gehört mit in diese Gruppe. Während jedoch die durchschnittliche Lebenserwartung bei Menschen immerhin fast achtzig Jahre beträgt, können Firmen in der Regel nur zwei Dekaden überleben. Die riesige Lücke zwischen maximaler und durchschnittlicher Lebensdauer bei Firmen gibt Forschern ein Rätsel auf: Wie kommt es, daß relativ wenige Firmen die kritische 20-Jahr-Marke überwinden?

Im allgemeinen wird von Unternehmensstrategen vorausgesetzt, daß Profitorientierung das höchste und wichtigste Ziel einer Firma ist. Doch kann ein Unternehmen mit dieser Strategie auch alt werden? Der langjährige Shell-Manager Arie De Geus beantwortet diese Frage in seinem Buch auf völlig neue Art: Er betrachtet Unternehmen als Lebewesen, bei denen auch das Überleben Selbstzweck ist. Das Streben nach Profit und Wertschöpfung hält er zwar für notwendig, als alleinigen Erfolgsfaktor für ein langes Firmenleben weist er es jedoch entschieden zurück.

Auch die Managementforscher James Collins und Jerry Porras hatten in einer sechsjährigen Studie diese Entdeckung gemacht: Entgegen allen gängigen Theorien ist die Steigerung des Gewinnes und des Shareholder value für erfolgreiche und alte Unternehmen immer nur ein Ziel unter vielen gewesen.

Lebewesen streben zuerst und vor allem nach Selbsterhaltung. Deshalb ist Arie de Geus' Sichtweise von Unternehmen als Lebewesen geradezu revolutionär: Eine Firma, die das Überleben als Selbstzweck sieht, kann sich nicht auf Profitmaximierung als einziges Ziel festlegen. De Geus warnt ausdrücklich: Die Spezialisierung auf den schnellen Profit mache Unternehmen unflexibel und verletzlich.

Wie in der Evolution haben diejenigen Erfolg, die sich schnell anpassen. Dies ist aber nur möglich, wenn Verschiedenartigkeit nicht unterdrückt wird. Auch in der Natur besteht vieles, was auf den ersten Blick gar keinen Sinn hat. So wie sich Lebewesen in der Entwicklung ihre ökologischen Nischen gesucht haben, müssen auch Unternehmen offen genug sein, um neue Marktnischen nutzen zu können. Das zeigt die Geschichte von chilenischen Kartoffelbauern, die im Hochland der Anden immer viele verschiedene Kartoffelsorten auf einem Feld anbauen, damit die Chance steigt, daß einige die Frosteinbrüche überstehen.

Alle über hundertjährigen Unternehmen haben einen ausgeprägten Charakter, der meist über Generationen hinweg erhalten bleibt: Durch grundlegende Werte wie Stolz auf das Unternehmen oder Zugehörigkeit zur Firmenfamilie behalten sie ihre Identität auch im Wandel.