Moskau

Der Mann war bleich wie nie zuvor. Unter den Augen hatte er Ränder, die Pupillen flackerten. In seinem weiten schwarzen Mantel mit weißem Hemd darunter sah er aus, als hätte er gerade schwer verwundet ein Duell überlebt.

Dann sagte Anatolij Tschubajs stockend: "Die Vorwürfe gegen uns sind gerechtfertigt. Wir werden das Urteil des Präsidenten akzeptieren, wie immer es ausfällt."

So kleinlaut hat man den Ersten Vizepremier und Chefingenieur der russischen Reformen noch nicht gesehen. Zum ersten Mal war er nicht Herr der Lage. Der Präsident entschied einen Tag später, Tschubajs' engste Mitstreiter in der Regierung mußten den Hut nehmen: Privatisierungsminister Maxim Bojko, der Chef der Konkursbehörde, Pjotr Mostowoj, und der stellvertretende Leiter der Präsidentenadministration, Alexander Kasakow. Tschubajs selbst bleibt vorerst beschädigt, geschwächt, blamiert.

Was ist passiert in den vergangenen sieben Tagen, die Rußlands Reformer erschütterten? Anlaß der Krise ist ein ungeschriebenes Buch. Tschubajs und vier Bundesgenossen haben im Mai einen Manuskriptvertrag über die "Geschichte der Privatisierung in Rußland" unterzeichnet. Als politische Gestalter dieser Geschichte erschienen sie kompetent das war dem Verleger pro Autor 90 000 Dollar Honorar wert. Anrüchig wurde das Geschäft, weil der Verlag Segodnja-Press mehrheitlich der Onexim-Bank gehört. Dieses Finanzkonglomerat hatte bei den jüngsten Privatisierungen unter Tschubajs' Regie lukrative Unternehmensanteile in die Scheuer gefahren. Nun sehen die Honorare wie ein Handgeld aus. Verdächtig ist auch, daß Tschubajs und seine Koautoren Geld erhielten, ohne daß ein Manuskript vorlag. Den größeren Teil des Honorars will der Erste Vizepremier in neugegründete wohltätige Stiftungen gezahlt haben. Sie werden von befreundeten Privatisierungsexperten geleitet.

Nun sind derlei Transaktionen russischen Politikern und Beamten nicht prinzipiell fremd. Manch einer mit volleren Taschen mag sogar die kleine Summe belächeln. Wäre Tschubajs ein allseits beliebter Mann, würden ihm viele seine unsaubere Schriftstellerei nachsehen. Doch der Reformer zählt zu den bestgehaßten Politikern im Lande. Seitdem er für realistische Budgets, eine stabile Währung und für eine vergleichsweise offene Privatisierung zu Marktpreisen ficht, hat er weite Kreise der politischen und finanziellen Eliten gegen sich aufgebracht. Die interessieren sich nun brennend für Tschubajs' ungeschriebenes Buch, allen voran der Tycoon Boris Beresowskij.

Rußlands schillerndstes Politchamäleon zwischen Staat und Kapital wurde vor zwei Wochen aus seinem Posten als Vizesekretär des Sicherheitsrats gefeuert.