Man mag sich fragen, welch freundliche Gottheit auf die Häupter des Berliner Senats plötzlich den Segen inspirierter Vernunft in solcher Fülle niederregnen ließ. Die Berufung Michael Blumenthals zum interimistischen Direktor des Jüdischen Museums ist ein kleiner Geniestreich - und vor allem der Hieb durch den gordischen Knoten der kleinlichen Intrigen, der Ressentiments und einer hysterisch hochgemotzten Prestigesucht, von der die unglückselige Vorgeschichte jener Institution gezeichnet war.

Ein besserer Mann hätte sich nirgendwo finden lassen, das ist gewiß. Michael Blumenthal kennt Berlin, das seinen Eltern eine Heimat war. Er ist ein erfahrener Administrator, der sich in der Aufsicht größerer Apparate, als in der Hauptstadt zu mustern sind, geübt hat. Er bewies Managerqualitäten, die ihn zu einem Großen in der amerikanischen Industriewelt der vergangenen Jahrzehnte aufsteigen ließen. Er kann mit Geld umgehen - sehr viel Geld: mehr als die Summe aller Berliner Schulden. Er ist überdies reich und unabhängig.

Er ist Amerikaner, doch er spricht deutsch fast wie ein Deutscher (und drei oder vier andere Sprachen dazu). Er ist von jedem religiösen oder ethnischen Fanatismus frei, aber er hat sich seit seinem Abschied aus Politik und Wirtschaft mit kontrollierter Passion der Welt seiner jüdischen Herkunft bemächtigt. Er kennt sich aus in der Geschichte des deutschen und des Berliner Judentums.

Nachdem er seiner letzten bedeutenden Aufgabe als Präsident des Computerkonzerns Unysis Corporation adieu gesagt hatte, ging er den Spuren seiner Familie durch ein Jahrhundert nach. Seine Studien beschworen den Reichtum einer vernichteten und ausgelöschten Welt. Das Geflecht der Bezüge, die er in einem Vortrag vor einem Berliner Publikum ausbreitete, wies zu Rahel Varnhagen, Giacomo Meyerbeer (seinem fernen Verwandten) und zu Felix Mendelssohn Bartholdy hinüber, dem welthaftesten und zugleich so innig verhaltenen, dem elegantesten und dennoch so traditionsbewußten unter den deutschen Romantikern, und von ihm zu Moses Mendelssohn, dem Aufklärer und dem Freunde Lessings. Das alles wird in seinem Buch "The German Jews. History and Memoir" nachzulesen sein.

Michael Blumenthal, dessen erster Vorname Werner ist, wurde in der Kindheit vom Wesen des deutschen Judentums berührt, in dem sich das alttestamentarische Erbe auf produktive Weise mit dem Geist des Protestantismus und dem emanzipatorischen Elan des liberalen Bürgertums vereint hatte. Die Reform-Synagoge, die man als ein deutsches Gewächs bezeichnen darf, war und ist ihm vermutlich so nah und so fern wie die Kirche der Reformation. Von ihm könnte gesagt werden, daß ihn die Mordgeschichte dieses Jahrhunderts erst eigentlich zum Juden gemacht hat: die Verhaftung des Vaters nach der Reichsbrandnacht des 9. November 1938, der nach drei Monaten gebeugt, vielleicht gebrochen aus dem Konzentrationslager Buchenwald zurückkam der Terror der Braun- und Schwarzhemden samt ihren Alliierten in den Ämtern, die aus den Deutschen eine Nation von Stehlern und Hehlern, Gaunern und Dieben machten die Austreibung via Italien nach Shanghai, dieser letzten Zuflucht der Verfolgten die Hunger- und Elendsjahre in der chinesischen Fremde unter den Bajonetten der japanischen Besatzung.

Die Stichworte reihen sich zur Geschichte eines bitteren und grandiosen Abenteuers zusammen, das sich in Amerika schließlich auf geradezu klassische Weise vollendete. Mit sechzig Dollar in der Tasche kam der Neunzehnjährige nach dem Ende des pazifischen Krieges und der Auflösung der internationalen Quartiere Shanghais in Kalifornien an. Er verdiente sein Studium - nein, nicht als Tellerwäscher, aber als Liftboy, Lastwagenfahrer, Beleuchter in Striptease-Lokalen. Berührungsängste quälten ihn nicht. Auch nicht gegenüber den Deutschen. Er begriff rasch, daß die Mitbestimmung, die dem "deutschen Wunder", dem sogenannten, ein demokratisches Korsett verpaßte, in die Zukunft wies. Ein Jahr lang trug er in der verlorenen Heimat das Material für seine Promotion in Princeton zusammen.

Die akademische Karriere lockte ihn nur einen flüchtigen Augenblick lang einen Mann seiner Beschaffenheit drängte es in die praktische Bewährung und in die Politik. Seine Kontakte mit einer Schar brillanter Köpfe im Umkreis der Demokratischen Partei, unter ihnen der spätere Außenminister Cyrus Vance, der Staatssekretär George Ball, der Diplomat und Schriftsteller Harold Kaplan, wiesen ihm 1961 den Weg in die Regierung. John F. Kennedy berief ihn zum Leiter der Wirtschaftsabteilung des Außenministeriums und bestellte ihn zwei Jahre später zum Chefunterhändler bei den Zollkonferenzen in Genf. Die Interessen seines Landes vertrat Blumenthal mit Witz, intelligent, flexibel und in der Sache hart. Eigenschaften, die ihm danach glänzende Erfolge als Präsident der Bendix-Corporation sicherten eines Mischkonzerns, der für die Automobil-, die Elektronik-, die Bauindustrie und die junge Raumfahrt produzierte.