Peking

Am Montag abend - Wei Jingsheng befindet sich bereits in einem Detroiter Krankenhaus - hat die Nachricht von der Freilassung des wichtigsten chinesischen Oppositionellen in Peking immer noch nicht die Runde gemacht.

Gleichwohl herrscht im Stadtteil Sanlitun, dem neuen Künstler- und Intellektuellenviertel der chinesischen Hauptstadt, reger Betrieb. Die kleinen Gassen zwischen Arbeiterstadion und französischer Schule, wo Avantgarde-Kunst in Teehäusern aushängt und Rockstars an der Bar zur Gitarre greifen, umgibt das Flair eines Quartier Latin im Herzen Pekings. Kein Zweifel, hier würde sich der Vordenker und Essayist Wei heute zu Hause fühlen.

Freude kommt auf, als sich die Neuigkeiten über Weis wiedererlangte Freiheit herumsprechen. "Achtzehn Jahre im Gefängnis - das muß einer mal durchhalten.

Wei ist ein Held", lobt die schwarzgekleidete Wirtin, eine energische Dame mit kurzrasiertem Haar, so daß jeder im Lokal es vernehmen kann. Früher wäre eine solche Solidaritätserklärung mit dem Staatsfeind Nummer eins gefährlich gewesen. Heute glaubt man an die Meinungsfreiheit - zumindest in den Bars von Sanlitun.

Der 47jährige Wei ist hier vor allem den Älteren ein Begriff: Ein ergrauter, aber unverdrossener Rockgitarrist, der mit seiner Band erst kürzlich auf der Bühne des nahen Stadions stand, erzählt den Bargästen von der "Mauer der Demokratie". Die stand einst am Pekinger Westmarkt, wo Wei im Jahre 1978 seine berühmte These von der "fünften Modernisierung" anschlug - ein Pamphlet für die Demokratie, wie es zuvor noch kein Chinese verfaßt hatte, gerichtet gegen den damals gerade rehabilitierten starken Mann der KP, Deng Xiaoping, der das Konzept der "vier Modernisierungen" ersonnen hatte. "Unser einziges Ziel bei der Modernisierung ist Freiheit, Demokratie und Glück für das Volk", schrieb damals der 28jährige Wei, den die Kulturrevolution zum Elektriker gemacht hatte. "Wenn es diese fünfte Modernisierung nicht gibt, dann sind alle anderen Modernisierungen nichts anderes als Lügen."

Seither streiten Chinas Eliten um das Zauberwort Demokratie - manchmal lauter, wie im Frühjahr 1989, manchmal leiser wie jetzt. Vielleicht würde Wei Jingsheng auch in Sanlitun keine Mehrheit hinter sich bringen, geschweige denn im weiten Land, wo kaum einer seinen Namen kennt. Respekt äußern in Peking viele vor ihm, aber Zustimmung? Da hält es die Hauptstadt-Schickeria lieber mit Weis jüngerem Bruder Xiaotao. "Unsere Gedanken ähneln sich, aber unsere Verhaltensweisen unterscheiden sich. Er ist Idealist, ich bin pragmatischer", grenzt sich der Chemiker Wei von dem Elektriker Wei ab.