Glanz und Elend der russischen Wissenschaft liegen bisweilen nur drei Meter voneinander entfernt. So schmal ist der düstere Korridor in einem Gebäude des Moskauer Kurtschatow-Instituts für Kernphysik. Er trennt zwei Welten, die große dunkle zur Rechten, die kleine helle zur Linken. Hinter der Preßholztür rechts sitzt der Direktor des Instituts für Kernreaktoren, eines der größten im Kurtschatow-Wissenschaftspark. Auf der linken Seite führt eine ebenso unscheinbare Tür zum Leiter des deutlich kleineren Instituts für Reaktorsicherheit.

Dort begrüßt uns ein gutgelaunter Institutsdirektor. Wladimir Asmolow, Experte für Reaktorsicherheit, führt uns in sein geräumiges Büro und schaltet den wurzelholzfurnierten Deckenfluter ein, der die Lithographien an der Wand hervorhebt. Er bittet, im kognakfarbenen Ledersessel Platz zu nehmen. "Vor kurzem hat die internationale Atomenergie-Behörde ein Sechseinhalb-Millionen-Dollar-Projekt ausgeschrieben", erklärt Asmolow, während er Hochglanzkataloge auf dem Konferenztisch ausbreitet. "Wir haben ein Angebot gemacht und gewonnen. Unser Vorteil? Bei uns kostet ein Arbeitsplatz mit Ausrüstung und Gehalt 40 000 Dollar im Jahr, viel weniger als im Westen. Dabei sind wir nicht schlechter."

Wenig später durchmessen wir die drei Meter des Korridors von links nach rechts zum Institut für Kernreaktoren, in die Gegenwelt. Auf dem fleckigen Teppichboden steht eine Schrankwand in russisch Barock, zuckende Leuchtstoffröhren beflakkern das Photo des Institutsgründers, es zieht kalt durch den hohen Raum. "Nach der letzten Personalkürzung habe ich noch tausend Mitarbeiter", sagt Direktor Nikolaj Kucharkin ruhig und ohne Selbstmitleid.

"Ich will sie irgendwie halten, aber ich bekomme nicht genügend Aufträge, um sie zu beschäftigen. Unsere Kunden sind meist staatliche Atomkraftwerke, die kein Geld haben. Sie zahlen mit Wechseln oder auch nur mit Mänteln und Schuhen. Die verteilen wir dann an die Mitarbeiter. So schlagen wir uns durch."

Das Kurtschatow-Institut war einst der Stolz der sowjetischen Wissenschaften, heute ist es Testlabor für die Widersprüche russischer Forschung. Unter der Erde des weitläufigen Geländes steht der zweitälteste Reaktor der Welt, mit dem Igor Kurtschatow im Dezember 1946 die Kernspaltung gelang. Heute kann man ihn besichtigen: Durch eine Tür, die an ein ländlich romantisches Toilettenhäuschen erinnert, führt ein Gang in die Nuklearkatakombe. Um diesen Reaktor wuchs im Kalten Krieg ein stattlicher Forschungspark, in dem 1991 über 10 000 Menschen arbeiteten. Der sowjetische Atomminister hielt schützend seine Aktendeckel über die Wissenschaftler. Sieben Reaktoren liefen ausschließlich für ihre Experimente.

Aus Patronage und Päppelung der Regierung ist das Kurtschatow-Institut heute in die zugige Unabhängigkeit entlassen. Von der im staatlichen Budget versprochenen Summe haben die Kernforscher 1996 nur ein Zehntel erhalten. Die Reaktoren laufen nur noch zeitweise, einen hat man vor kurzem stillgelegt. Im vergangenen Jahr wurde monatelang kein Gehalt ausgezahlt. "Die meisten Ingenieure verdienen nicht mehr als 150 Mark im Monat", sagt Nikolaj Kucharkin. "Da bekommt ein Elektriker mehr. Die guten Leute laufen uns weg."

Manche Abteilungen im Kurtschatow-Institut kommen nicht aus der Abwärtsspirale heraus: Die Ausrüstung ist veraltet, weshalb immer weniger Aufträge eingehen. Der Geldstrom versiegt, die Institute können die Ausrüstung nicht erneuern, um auf dem Markt zu bestehen. Und irgendwann haben sie uneinholbar den Anschluß verloren.