Dieses Muster des Niedergangs ist symptomatisch für viele Forschungseinrichtungen in Rußland. Und nur die wenigsten sind so flexibel wie das Institut für Ozeanologie. Die Meeresforscher können aus Geldmangel nicht mehr auf ihren Schiffen auslaufen. Deswegen bieten die Wissenschaftler neuerdings Butterfahrten ins Blaue für Touristen an. Während die Reisegäste dann steuerbord mit Chipstüten an der Reling stehen, wird backbord noch ein wenig geforscht.

Im landesweiten Durchschnitt zahlt der Staat nur die Hälfte des im Etat festgesetzten Geldes an die Wissenschaft aus. Viele Institute können selbst Stromrechnungen nicht bezahlen. Das geringe Grundgehalt eines Wissenschaftlers von durchschnittlich 150 bis 200 Mark reicht in Moskau für nicht viel mehr als einen Besuch im Supermarkt. Wenn dann wie im vergangenen Winter die Gehälter nicht ausgezahlt werden, stellt sich nicht mehr die Frage: "Wie forschen?", sondern: "Wie überleben?" Die Ärmlichkeit wird noch nicht einmal durch Autorität aufgewogen. Das gesellschaftliche Ansehen eines Gelehrten ist nach einer Umfrage des Zentrums für Wissenschaftsstatistik in Rußland heute niedriger als das eines Bauern.

Viele ziehen die Konsequenzen. Seit 1991 haben zwölf Prozent der russischen Wissenschaftler ihren Beruf gewechselt. Es wächst die Zahl der Nachtwächterinstitute, wo Labore und Schreibtische auf Wissenschaftler warten, die längst woanders ihr Geld verdienen: als Taxifahrer, Kleinhändler, Übersetzer, Privatlehrer, aber auch als erfolgreiche Geschäftsleute. Der Direktor der mächtigen Bank Menatep war in der Sowjetunion ein angesehener Chemieprofessor. Viele seiner Mitarbeiter sind Naturwissenschaftler, die sich heute bestens auf die "Alchimie des Geldes" im Sinne des Milliardärs George Soros verstehen.

Andere Gelehrte bleiben ihrem Metier treu, nicht zuletzt aus Mangel an Möglichkeiten. Zum Beispiel im Institut für Philosophie bei der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAW). In der Eingangshalle begrüßt den Besucher eine große Tafel mit den "Veteranen des Philosophischen Instituts im Großen Vaterländischen Krieg". Unüberriechbar hat ein Kater die Halle als sein Revier markiert. Der Linoleumboden fault von den Ecken her, demolierte Schreibtische mit ausgezogenen Läden stehen in den Korridoren herum. Der stellvertretende Institutsdirektor hat zwar keinen Computer, aber eine stolze Bilanz: "Nein, wir haben kein Personal abgebaut. Wir publizieren mehr als je zuvor. Unsere wichtigste Aufgabe war, unsere Kollektive zu erhalten. Das Institut für Marxismus-Leninismus, auch das Religionsinstitut arbeiten weiter." Zur Finanzierung dieser Luxusforschung im Sowjetformat vermieten die Philosophen einige ihrer Büroräume an kommerzielle Organisationen.

Das Überlebenstraining der Philosophen in der Wissenschaftswüste Rußland ist heroisch, aber zugleich eine der Ursachen für die Misere der russischen Wissenschaften. Denn Rußlands "Akademija" leidet an zu vielen Akademikern.

Als die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfiel, arbeiteten auf ihrem Territorium viereinhalb Millionen Menschen in der Wissenschaft, davon waren 1,7 Millionen Forscher. Laut Unesco waren das 32,4 Prozent aller Wissenschaftler der Welt. Ineffiziente Parallelforschung unter dem Banner sozialistischen Wettbewerbs durfte riesige Mittel verschlingen, wenn sie nur irgendwie versprach, den Ruhm der großen UdSSR zu mehren. Zugleich wuchs die Zahl der Forscher. Vor drei Jahren warnte die OECD die russische Regierung, die Zahl der Wissenschaftler sei dreimal größer, als es die Ressourcen des Landes erlaubten. Noch heute kennt Rußland keine Emeritierung. Die ergrauten einflußreichen Weisen gehören vielerorts zur Betonfront der Gegenreformer.

Die Gralshüter des "Haben wir doch immer so gemacht" halten hof am Leninskij Prospekt in Moskau. Im palladianischen Palast der RAW hatte schon Katharina die Große ihre Liebhaber empfangen, hatte Napoleon seine letzte bittere Nacht in Moskau durchwacht. In solchen Räumen fällt es schwer zu verstehen, daß sich hier vieles verändern muß. Der Akademievorsitzende ist noch aus sowjetischem Preßholz geschnitzt und von Gleichgesinnten erst im vergangenen Mai wiedergewählt worden. Die RAW fürchtet um ihren Status und süße Privilegien, seitdem Liberale in der russischen Regierung sie als ineffizientes "Politbüro zur Knechtung der Wissenschaft" gebrandmarkt haben.