Im Kurtschatow-Institut fände Scheregij sich (und Marx) bestätigt, wenn er im eingangs beschriebenen Korridor die linke Tür nähme. Im Institut für Reaktorsicherheit ist mehr als nur Wurzelholz zu bewundern. Unter Direktor Asmolow arbeiten 130 Wissenschaftler. Wenn diese Kapazität nicht reicht, leiht er sich vorübergehend Forscher von anderen Instituten aus. Eine Gruppe junger Kernphysiker simuliert und analysiert auf hochmodernen Computern den Verlauf von Reaktorunfällen, um Gegenstrategien zu entwickeln. Die Wissenschaftler erhalten zu sechzig Prozent Aufträge aus dem Ausland, zu dreißig Prozent von russischen Firmen und nur zu zehn Prozent vom Staat. Die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit gehört zu den Kunden. Das garantiert gute Gehälter und häufige Reisen. Von diesen Forschern verdient niemand unter 1500 Mark im Monat.

Daß angewandte Wissenschaften in Rußland unter Marktbedingungen überleben können, hat auch das Institut für Rechnertechnik an der Moskauer Staatsuniversität bewiesen. Über Internet haben die jungen Informatiker 1991 Kontakte zu westlichen Computerfirmen gesucht. Ein Jahr später unterzeichneten sie mit einem amerikanischen Softwarehersteller einen Vertrag über ein gemeinsames Labor in Moskau. Die Ausrüstung kam aus Amerika, die Ausbildung auch. Heute ist das Universitätsinstitut zum russischen Trainingszentrum für alle Produkte der amerikanischen Firma geworden.

Geschäftsleute, Bankiers, Beamte zahlen für ihre Einführungskurse. Die Studenten profitieren davon und besuchen die Seminare kostenlos.

Die beiden Erfolgsinstitute haben nichts mit der RAW zu tun. Und das ist kein Zufall. Forschungseinrichtungen, die die scheinbar schützende, tatsächlich aber lähmende Umarmung der Akademie missen, sind in der Regel einfallsreicher. Kein Zufall auch, daß die junge Blüte auf Kontakte mit dem Westen zurückgeht. Die westliche Einsicht, daß Unternehmen in Forschung investieren müssen, bevor man nach Jahren daraus Gewinne ziehen kann, hat sich in Rußland noch nicht durchgesetzt. Die Finanzgrößen des Landes sind bisher einseitig aufs schnelle Absahnen aus. Daß man angesichts kräftiger Gewinne auch eine Stiftung gründen könnte, liegt den meisten der Neuen Russen so fern wie die Wissenschaft überhaupt. Nur die Onexim-Bank fördert die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, der Gaskonzern Gasprom leistet sich eine ökologische Stiftung. Aber das sind Ausnahmen.

Unterdessen verlassen viele das Land, die die russische Industrie und Gesellschaft nach der Phase des "Greife sich, wer kann" schmerzlich vermissen wird. Westliche Länder nutzen die russischen Wissenschaften als Steinbruch für ihre Zwecke. Was Forscherteams jahrzehntelang gemeinsam erforscht haben, verkauft nicht selten ein einzelner Wissenschaftler nach der Emigration weit unter Preis. In der amerikanischen Rüstungsindustrie arbeiten viele russische Mathematiker und Physiker. Die Entwicklung des auf dem Radarschirm kaum sichtbaren Stealth-Bombers zum Beispiel geht teilweise auf russische Grundlagenforschung zurück.

Konkurrenten um die Anwerbung der besten Wissenschaftler aus Rußland sind meist nicht die in Washington verdammten "Schurkenstaaten", sondern die Verbündeten Amerikas. In Tel Aviv wurde Ende September eine Filiale der Moskauer Technischen Baumann-Universität gegründet, deren Ingenieure früher in die russische Rüstungsindustrie strömten. An der japanischen Aizu-Wakamatsu-Universität forschen fünfzehn russische Informatiker. Nikolaj Mirenkow, der 1993 aus Nowosibirsk nach Aizu kam, schwärmt über seinen Arbeitsplatz in Japan: "Wir Professoren können jede beliebige Ausrüstung kaufen, die wir brauchen. Die Studenten haben rund um die Uhr Zugang zu den Computern. Es gibt mehr Terminals als Studenten." Würde er zurückkehren, wenn sich in Rußland die Forschungsbedingungen ändern sollten? "In Rußland ist eine angemessene akademische Umgebung nicht zu erwarten. Keine Chance!" Die Realität gibt ihm vorerst recht.

Der Exodus russischer Forscher ist ungebrochen. Im Jahre 1996 allein hat Rußland fünfzehn Prozent seiner Ingenieure verloren. Von den Instituten der RAW sind über zwanzig Prozent der Mathematiker ins Ausland gegangen, neunzehn Prozent der Physiker und achtzehn Prozent der Biochemiker es dürften die besten gewesen sein. Mit ihrem Weggang geraten die wissenschaftlichen Schulen in Gefahr. Solange sich die Reform der ehemals sowjetischen Wissenschaften in wildem Abbruch und geplantem Aushungern erschöpft, wird das munter so weitergehen. Mit dem Schlachtruf "Keine Mittel mehr!" ist ein Neuanfang ausgeschlossen.