Eine hübsche Idee: Der Physiker Albert Einstein wird nach seinem Tode geplagt von Selbstzweifeln über die politischen Folgen seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er macht sich recht pessimistische Gedanken über den Lauf der Dinge auf der Welt, und als er "nicht mehr weiterwußte", versammelt er ein paar erlauchte Geister (Platon, Augustinus, Konfuzius, Buddha, Descartes, Marx, Freud) zu einem "himmlischen Krisengipfel". Sie blicken zurück auf ihre eigenen Lehren, betrachten die Entwicklung auf der Erde und räsonieren darüber, was sie wohl selbst zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

In offensichtlich entspannter Atmosphäre, in einem sozialen Raum, der irgendwo zwischen den Gesprächen des Sokrates, einem bürgerlichen Salon und dem Wiener Kaffeehaus zu suchen ist, erzählen sie sich gegenseitig, was sie "alles an Falschem" verbreitet und wo sie "ihre höchstpersönlichen Probleme mit denen der Allgemeinheit verwechselt" haben. Auf diese Weise versuchen sie, sich in einer Art Eigentherapie von ihren Schuldgefühlen zu erlösen.

Darüber hinaus wollen sie im Gespräch herausfinden, ob die Entwicklung in der Welt unaufhaltsam dem Untergang zutreibt oder ob noch Chancen zur Rettung bestehen.

Wüßte man es nicht, es wäre nicht schwer zu erraten, wer diese Geschichte erdacht, inszeniert und geschrieben hat: Horst-Eberhard Richter, Therapeut, Sozialpsychologe und streitbarer Schriftsteller aus Gießen. Unter seiner Regie gelingt dem Club der toten Denker ein höchst lebendiger und spannender Dialog, der mittenhinein zielt in die ambivalenten Befindlichkeiten der Gegenwart. Da ist der optimistische Glauben an den technischen Fortschritt, wie ihn Descartes vorträgt: Er wendet sich gegen jeden esoterischen Innerlichkeitskult, "als könne die Welt durch Meditieren gerettet" werden, und setzt statt dessen auf den technischen Fortschritt, der "noch immer Wege gefunden hat, unlösbar scheinende Probleme zu überwinden".

Der Psychoanalytiker warnt vor einem "destruktiven Zirkel": Die Menschen glaubten nicht mehr daran, ihre Probleme lösen zu können je weniger sie daran glaubten, um so mehr versänken sie in Depression, was ihre aktiven Kräfte zusätzlich schwäche und das Zukunftsbild weiter verdüstere. Karl Marx räumt mürrisch ein, daß er den Zusammenbruch des Sozialismus "nicht gerade in seinem Fahrplan" hatte, was nichts daran ändere, daß der "ultraglobale Kapitalismus" sich eines Tages selbst zerstören werde. Und Einstein hat die Sorge seiner späten Jahre vor einer atomaren Katastrophe mit ins Jenseits genommen und muß nun besorgt mit ansehen, "welche Gefahren unsere jüngsten Nachfahren für sich selbst und alles übrige Leben anscheinend bedenkenlos heraufbeschwören".

Ein lebendiger, ein geistreicher, ein etwas zu alarmistischer Dialog. Doch bei allem Engagement des Autors sucht er nicht die Wahrheit, sondern relativiert, ohne dem Relativismus zu verfallen. So zeigt er ganz nebenbei, daß es noch etwas anderes gibt als dogmatische Rechthaberei oder postmoderne Beliebigkeit, den ernsthaften Diskurs über gemeinsame Probleme, in der Form mit Respekt vor der Meinung anderer, in der Sache mit Leidenschaft, Verantwortung - und nicht ohne Ironie. Zu dem Krisengipfel sind die Teilnehmer übrigens deshalb geladen, weil sie nicht nur als Fachexperten reüssiert, sondern sich durch eine damals wie heute seltene Fähigkeit hervorgetan haben: durch ihren besonderen Mut, "das Ganze zu bedenken".

Am Ende bleibt die Frage Apokalypse oder Rettung der Welt? zum Glück ohne Antwort: Es kommt auf die Menschen an. Konfuzius bringt eine etwas globalere Perspektive in die Debatte: "Die östlichen Völker, die noch an meiner Lehre hängen, spüren wenig von der Weltuntergangsstimmung, die eure Westvölker beschlichen hat." Sigmund Freud erklärt mit seiner These vom "moralischen Masochismus", warum gerade jene Völker am meisten vor künftigen Katastrophen zittern, denen es noch am besten geht: Manche Menschen und Völker sind eben nur dann glücklich, wenn sie jammern. Trotz dieser ironischen Brechungen sind sich (fast) alle einig: Es sind keine eingebildeten Gefährdungen, über die sie da reden. Die Chancen und Hoffnungen bestehen darin, so kann Einstein am Ende resümieren, daß der Mensch zwei ganz einfache Einsichten endlich praktisch beherzigt "daß sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und daß er zur Natur und diese nicht ihm gehört".