Der Zug eilt vorbei, so als schäme sich der Lokführer, einem den Blick auf diese Gegend nicht ersparen zu können. Verfallen, zum Teil verlassen, stehen ausgezehrte Fabrikanlagen, aus Gründen purer, oft längst verjährter Nützlichkeit, entlang der Eisenbahn Spalier. Auswechselbare Städte und Dörfer gehen ineinander über hinter Grauschleiern liegen Industriegebäude und Arbeitersiedlungen aus dunkelrotem Backstein wie ausgestreut aus einem Füllhorn der Geschichte.

Dazwischen, hingeworfen nach dem Zufallsprinzip, lieblos, ohne Gestalt, häßliche Wohnwaben aus Beton, Garagen, Baracken, Buden, Straßen. Der Geist des ausgehenden Industriezeitalters materialisiert sich zwischen Kattowitz, Beuthen, Gleiwitz und Jastrzebie im Süden in einer Büßerlandschaft von oft durchdringender Traurigkeit.

Die Spuren von Polens Wirtschaftswunder sind hier bedenklich schnell aufgezählt: Opel in Gleiwitz, Fiat in Tychy, die Pläne von Isuzu und dem US-Autozulieferer Delphi.

Dazu noch einige Supermärkte, ein, vielleicht zwei Dutzend moderne Tankstellen.

Nicht viel für ein Ballungsgebiet, in dem zehn Prozent der Polen (vier Millionen) immer noch knapp fünfzehn Prozent des polnischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften.

Das oberschlesische Industrierevier, das Ruhrgebiet des Ostens, wo die Wäsche immer noch schneller schwarz als trocken wird, ist ungegliedert, vielerorts gesichtslos, aber keinesfalls geschichtslos. Als Polen 1795 bei seiner dritten Teilung für 123 Jahre von der Europakarte verschwand, war diese Gegend bereits seit siebzig Jahren ein Teil Preußens. Deutsches Kapital und polnische Maloche bescherten dem Revier im 19. Jahrhundert einen atemberaubenden Aufschwung. Blutige deutsch-polnische Kämpfe und die anschließende Teilung im Jahre 1922 leiteten eine Agonie ein, die bis heute dauert. Die Region wurde von der Roten Armee kampflos eingenommen, die deutsche Bevölkerung allerdings gewaltsam vertrieben. Danach fünfzig Jahre lang gehätschelt und zugleich dem Raubbau kommunistischer Planwirtschaft ausgesetzt, verharrt das Revier in einem Gefühl stummer Ohnmacht.

Gewiß, die Rezession und einige erfolgreiche Großinvestitionen haben die Umwelt spürbar entlastet. Dennoch ist das ökologische Desaster nicht zu übersehen. Das Netz der Stollen, Flöze, Schächte und Streben hat die ganze Gegend in ein permanentes Leichtbebengebiet verwandelt. Straßen bekommen tiefe Sprünge, plötzlich verschieben sich Wände, Leitungen reißen, ganze Häuser sacken ein. Giftige Industriebrachen und Abraumhalden oft gigantischen Ausmaßes gehören ebenso zum Bild wie die berüchtigten Mendelejew"-Seen und -Flüsse. Der Volksmund taufte die Gewässer auf den Namen des berühmten russischen Wissenschaftlers, weil sie, wie der berüchtigte Phenolsee von Swientochlowice, angeblich fast alle chemischen Elemente des Periodensystems enthalten.