MAHLBERG. - Vor zwei Wochen stellte Bernhard Wördehoff an dieser Stelle den westdeutschen Lesern der ZEIT die russische Soljanka vor, die ostdeutschen Lesern von ihren ostdeutschen Speisekarten vertraut sei und zu den besseren Hinterlassenschaften der DDR gehöre. Und er fragte mich schwarz auf weiß, was ich davon hielte, diese Suppe auch westlich der Elbe bekannt zu machen.

Es wäre zweifellos bequem, die Frage nicht zu beantworten. Eine Nation, deren Suppen so dick sind wie ihre Autos und ähnlich geliebt werden, schätzt es nicht, wenn der Sinn dicker Suppen in Frage gestellt wird. Diesem unvermeidlichen Ziel muß ich mich also auf Umwegen nähern. Deshalb hier zunächst einmal das Rezept. Ich habe es in dem Nachdruck (Richter Verlag, München 1981) eines "Universal Lexikons der Kochkunst" aus dem 19.

Jahrhundert gefunden und zitiere es in vollständiger Länge:

"SOLJANKA, RUSSISCHE. Eine geschälte und feingehackte Zwiebel wird in 125 Gramm Butter gebraten, worauf man 1 1/2 Kilogramm Sauerkraut hinzufügt, es damit durchrührt und wohl zugedeckt bei mäßiger Ofenhitze gardämpft. Dann stäubt man einen Löffel Mehl darüber, schichtet eine Lage Sauerkraut in eine Pfanne oder Form, legt verschiedenes gebratenes, fein geschnittenes Fleisch, wie z. B. Rind- und Kalbfleisch, Huhn, Wildpret, darauf, auf dieses abermals eine Schicht Kraut und oben darauf Pfeffergurken, eingelegte Pilze, Würstchen etc., gießt einige Löffel Bratensauße darüber, läßt die Oberfläche im Ofen etwas überbacken und servirt die Soljanka in der Pfanne oder Form zum Frühstück oder als Vorspeise Mittags vor der Suppe."

Zum Frühstück oder als Vorspeise mittags vor der Suppe! Wir haben es hier mit einem Jurassic Park zu tun, in dem sich kulinarische Dinosaurier tummeln. Für Wolgaschiffer könnte das Rezept einigen Reiz haben. Wer äße vor dem Frühstück nicht gern ein stärkendes Süppchen, wenn er hinterher einen Lastkahn zum Schwarzen Meer ziehen muß? Doch für unsere Lebensweise ist eine Soljanka so geeignet wie Skischuhe zum Steptanz. Es sei denn als Hauptgericht.

Natürlich hat die vielbeschäftigte Hausfrau und Mutter heute keine Zeit für derart aufwendige Hauptgerichte. Ihr kommen die Hersteller von Fertiggerichten zu Hilfe. Sie haben bereits alle Suppen neu erfunden.

Zusätzlich eine Soljanka aus der Tüte wäre für sie ein Kinderspiel und für die gesamtdeutsche Suppenwerbung eine wunderbare Herausforderung. Außerdem ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Osterweiterung unserer Küche. Die wir ja dringend brauchen.