Als am 15. Oktober die Raumsonde Cassini zum Saturn startete, war dies für die Wissenschaftler der beiden Raumfahrtorganisationen Nasa und Esa Anlaß zu Freude und Trauer zugleich. Freude, weil der Start erfolgreich verlief, trotz nervenzehrender Verspätungen. Trauer, weil diese Mission die letzte ihrer Art ist. Cassini wiegt 5600 Kilogramm, ist groß und komplex und beendet die Serie teurer Mehrzweck-Raumsonden: Mariner, Pioneer, Voyager und Galileo.

In Zukunft muß die Nasa ihre Sonden kleiner und billiger und die Missionen schneller gestalten - trotz der nachweislichen Erfolge und der unschätzbaren wissenschaftlichen Dividende der großen Raumroboter. Und wo die Nasa hingeht, dahin wird ihr die europäische Schwester Esa folgen.

Klein, schnell und billig zu sein ist allein noch keine Tugend. Die Sonden Mariner, Pioneer und Voyager waren mit einer Vielzahl von Instrumenten ausgerüstet, um den unerwarteten Erfordernissen im All gewachsen zu sein - und die Überraschungen des Sonnensystems lieferten den Beweis dafür, daß sich solche Investitionen lohnen. Missionen in neue Welten erfordern Zeit, sich ausgiebig Gedanken über ihre Aufgaben machen zu können. Warum sollte man sich sonst die Mühe machen, sie überhaupt loszuschicken? Eine kleine Mission könnte zur Verschwendung von 100 Millionen Dollar führen, eine große, lang dauernde Mission dagegen selbst 500 Millionen Dollar wert sein, wenn sie für ein vernünftiges Projekt fließen.

Was läßt die Investition für Cassini erwarten? Sobald das Nasa-Mutterschiff Cassini das Saturn-System erreicht, wird es gemächlich um den beringten Planeten und seine Mondfamilie kreisen. Dabei soll es die Esa-Sonde Huygens aussetzen, die anschliessend in die Atmosphäre von Saturns größtem Mond Titan eindringt, ein versmogtes chemisches Gebräu. Es gilt als reich an organischen Substanzen, aus denen vermutlich auch jene Ursuppe bestand, die vor etwa vier Milliarden Jahren irdisches Leben hervorbrachte. Titan könnte eine Art frühzeitlicher Erde sein, tiefgefroren in den Weiten des äußeren Sonnensystems. Huygens soll dort nach Lebenszeichen suchen.

Neben Jupiters Riesenmond Ganymed ist Titan der zweitgrößte Mond in unserem Sonnensystem, größer als der Planet Merkur. Und Titan ist der einzige Mond im Sonnensystem mit einer richtigen Atmosphäre. Seine ebenso dicke wie dichte Gashülle ließ sogar die Kameras der Voyager-1-Sonde scheitern, die detailgetreu die Oberflächen vieler anderer Saturn-Monde photographierten.

Tatsächlich ist Titan - abgesehen von dem weitentfernten Pluto und seinem Mond Charon - das einzige größere Objekt in unserem Sonnensystem, dessen Oberfläche noch nicht kartographiert wurde. Versuche, durch seine trübe Hülle zu schauen - mit Radar oder Infrarotaufnahmen des Hubble-Teleskops -, ergaben nur eine ausgesprochen vage Karte heller und dunkler Flecken. Ob das wohl Kontinente und Ozeane sein könnten?

Wenn ja, dann bestünden die Ozeane nicht aus Wasser. Bei minus 178 Grad Celsius ist flüssiges Wasser ausgesprochen selten. Wahrscheinlich bestehen die Ozeane auf Titan eher aus flüssigem Ethan. Die frostige Atmosphäre dort ist ebenfalls fremdartig und nicht zu atmen: ein Gemisch aus Wasserstoff, Stickstoff und Methan, dem einfachsten Kohlenwasserstoff. Das Methan in Titans oberer Atmosphäre wird von der Sonnenstrahlung aufgeheizt, so daß dort chemische Reaktionen ablaufen. Diese lassen komplexe organische Verbindungen entstehen, die auf den Mond herabregnen. Daher dürfte die Titan-Oberfläche einer besonders unangenehmen Erdölraffinerie ähneln. Doch all diese Stoffe - Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff - sind essentielle Bausteine des Lebens.